Usbekistan - Zehn Jahre nach Andischan: Rekonstruktion eines Massakers In Usbekistan starben 2005 Hunderte bei einem Blutbad durch Regierungstruppen. In Kooperation mit CORRECT!V rekonstruieren wir das Massaker – mit Zeichnungen und einem Augenzeugen.

Die Panzerwagen kommen am Nachmittag. Sie rollen aus ihren Stellungen entlang der Hauptstraße heran, Soldaten hocken darauf, die Maschinenpistolen im Anschlag, so rollen sie auf den Platz, der voller Menschen ist, Tausende stehen dort, Männer, Frauen, Kinder. Einer der Panzerwagen schiebt ein Auto von der Straße, und dann, ohne Warnung, beginnen die Soldaten, in die Menge zu schießen.

Ich kann nicht glauben, was ich sehe. Ich will es nicht wahrhaben. Ich wusste, dass Andischan von Soldaten umstellt ist, ich rechnete damit, dass sie in die Stadt einrücken, aber ich hatte mir fortwährend gesagt: Sie werden nicht auf Unbewaffnete schießen. Sie werden den Platz nachts besetzen, wenn er leer ist, aber sie werden nicht schießen.

Und nun schießen sie. Eine tiefe Kälte fährt in meine Glieder. Starr stehe ich da, inmitten des Rennens, Schreiens, Stürzens. Erst als eine Salve in den Asphalt neben mir schlägt, reagiere ich und springe in einen offenen Wassergraben, liege dort über einer fauligen Lache und höre das dumpfe Knallen der Kalaschnikows, unrhythmisch, andauernd, peitschend, hart, laut. Weinende Männer, sie betteln "nicht schießen", das Wimmern der Verwundeten, die Schreie der Sterbenden.

Nach einigen Minuten setzt das Schießen aus. Wo ist meine Frau? Wir sind am Morgen gemeinsam hergekommen, sie heißt Galima Bukharbaeva, ist wie ich Journalistin und schon damals eine der bekanntesten kritischen Stimmen Usbekistans. Ich springe aus dem Kanal und sehe sie, sie liegt im gleichen Graben, einige Meter weiter. Sie ist bleich. Um ihren Hals hängt ein Fotoapparat. Ein Mann kommt auf sie zugerannt und schreit. "Mach endlich Fotos!" Galima beginnt zu fotografieren.

Ein Panzerwagen fährt heran. Wir nehmen uns bei der Hand, rennen wieder zu dem offenen Kanal und springen hinein. Über uns pfeifen Schüsse. Jeder von uns hat ein Handy am Ohr. Galima gibt dem amerikanischen Nachrichtenkanal CNN ein Interview. Eine erneute Feuerpause. Wir klettern hervor. Zig Leichen liegen umher. Männer tragen Verwundete davon. Ein Mann mit einer Waffe geht der Stellung mit den Panzern entgegen. Er geht ganz ruhig. Wir laufen los.

Zwei Tage zuvor, am 11. Mai 2005, bin ich schon einmal in Andischan, um über einen Gerichtsprozess zu berichten. 23 Geschäftsleute aus der Stadt sind absurder Anschuldigungen angeklagt. Vor dem Gerichtsgebäude steht eine riesige Menschenmenge, Männer, Frauen, Kinder, Greise. Die meisten sind festlich gekleidet, die Männer in Anzug, Hemd und Krawatte, die Frauen in langen Kleidern und Kopftüchern. Eine Stille liegt über der Szenerie, wie ich sie bei so vielen Menschen noch nie erlebt habe. Keine hupenden Autos, keine Schreie, kein Fluchen, wie sonst in Zentralasien. Die Stille irritiert.

Es ist ein stummer Aufschrei gegen Usbekistans Präsident Islam Karimow, gegen seine Polizei, seine Geheimdienste, gegen die Willkür, die im Land herrscht. Und es ist eine Herausforderung. Denn Karimow hat seit Jahren keine Demonstrationen zugelassen. Diese Männer und Frauen aber versammeln sich seit drei Monaten immer wieder vor dem Gericht, um die Freilassung der 23 Unternehmer zu fordern.

Willkürliche Verhaftungen sind in Usbekistan – damals wie heute – an der Tagesordnung. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion riss der ehemalige Sowjetfunktionär Islam Karimow die Macht im bevölkerungsreichsten zentralasiatischen Staat an sich und errichtete einen Polizeistaat. Der 77-jährige Präsident unterdrückt nicht nur die politische Opposition, er sieht jeden eigenständig erwirtschafteten Reichtum als Bedrohung an. Unabhängiger Journalismus ist verboten, und wenn Usbeken mit ausländischen Reportern sprechen wollen, brauchen sie eine Genehmigung. Alle Mittel, Kritiker zum Schweigen zu bringen, sind recht. Dem Journalisten Salijon Abdurachmanow schmuggelten Polizisten bei einer Verkehrskontrolle Drogen ins Auto, seither sitzt er in Haft.

Viele aus der säkularen und gebildeten Mittelschicht haben das Land verlassen. Sie leben in Russland, den USA, Europa oder Israel. Zurück bleibt eine verarmte und geknechtete Bevölkerung. Korruption durchzieht das Leben von der Geburt bis zur Beerdigung – Usbekistan gehört, nach dem Ranking von Transparency International, zu den zehn korruptesten Ländern der Welt.

2002 gelangen zwei Fotos an die Öffentlichkeit. Der damalige britische Botschafter Graig Murray hat sie den Medien zugespielt. Die Fotos zeigen die Körper zweier toter Männer. Ihre Haut ist aufgedunsen, gespannt, unnatürlich gerötet – die Folterer hatten die Männer im Gefängnis gekocht. Der UN-Berichterstatter für Folter, Theo von Boven, untersucht den Fall. Und stellt fest, dass Folter in Usbekistan "systematisch" angewandt wird.

Doch von all dem ist im Westen nur selten zu lesen oder zu hören. Denn Usbekistan ist wichtig. Es liegt strategisch günstig, es grenzt an Afghanistan und seit 2001, seit Beginn des "War on Terror", ist es Partner der Nato. Die US-Airforce und die Bundeswehr nutzen Luftwaffenbasen in Usbekistan, um ihre Truppen in Afghanistan zu versorgen.

Die Demonstranten in Andischan gehören einer religiösen Gemeinschaft um den geistigen Führer Akram Juldaschjew an. Er hat aus dem Koran abgeleitete Lebens- und Geschäftsregeln aufgestellt, er fordert von seinen Anhängern Fairness, Gerechtigkeit, Fleiß – und sitzt dafür seit über 20 Jahren im Gefängnis. Der Vorwurf: Er sei ein Islamist. Das ist in Usbekistan, besonders seit 2001, ein wohlfeiler Vorwand, um Kritiker mundtot zu machen. Viele seiner Anhänger sind erfolgreiche, geachtete Bürger. Sie haben Möbel-, Kleider- und Ziegelfabriken, Mühlen, Bäckereien und Restaurants. Sie verbinden religiöse Tugendhaftigkeit mit Geschäftstüchtigkeit, sie sind der Mittelstand von Andischan, arbeiten mit den Behörden zusammen, lassen Schulen und Krankenhäuser renovieren, das usbekische Fernsehen sendet Lobeshymnen über sie, sie erhalten Staatspreise für ihren Einsatz.