Am Tag vor seiner Ermordung in Moskau hatte der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow noch mit seiner engen Mitarbeiterin Olga Schorina über das Projekt gesprochen: Er wollte die Beteiligung Russlands am Krieg in der Ukraine dokumentieren, die Unterstützung für die Separatistenmilizen und vor allem die Entsendung regulärer russischer Soldaten. Aus Sorge, abgehört zu werden, notierte Nemzow hastig auf einem DIN-A4-Blatt: "Einige Fallschirmjäger aus Iwanowo haben mich kontaktiert. 17 wurden getötet, ihr Geld haben sie nicht bekommen, aber vorerst haben sie Angst, zu sprechen." So erzählt es Schorina. Am nächsten Tag, dem 27. Februar, wurde Nemzow in unmittelbarer Nähe des Kreml auf dem Weg nach Hause erschossen.

Noch in der Nacht zum 28. Februar durchsuchten die Ermittler das Appartement des Oppositionellen, nahmen Computer, Festplatten, Adressbücher und Aufzeichnungen mit. Der Report, den Nemzow plante, schien dahin.

Einiges von dem Material, das Nemzow zusammengetragen hatte, konnte jedoch von Mitarbeitern und Unterstützern in den vergangenen Wochen wiederbeschafft werden. Seine Mitstreiter, oppositionelle Aktivisten und Journalisten, haben seine Arbeit fortgesetzt und an diesem Dienstag nun auf 64 Seiten ihren Bericht vorgelegt – er trägt den einfachen Titel: "Putin. Krieg". (Zum Original auf www.putin-itogi.ru)

"Mauer der Angst"

Ilja Jaschin, ein Freund und junger Kollege, den Nemzow zuletzt zwei Tage vor seinem Tod getroffen hatte, organisierte das Team, das die Recherchen vervollständigte. Er leitet die Moskauer Abteilung der von Nemzow mit gegründeten Partei RPR-Parnas. Laut Jaschin ist es gelungen, alle Kontakte, die der Ermordete angebahnt hatte, zu reaktivieren. Die Hinweise, die dabei zusammenkamen, seien sehr konkret und belegten russische Aktivitäten in der Ukraine. Doch schon früh war klar: Öffentlich, mit Namen, würden die Informanten ihre Geschichten nicht erzählen. Jaschin, der auch mit den Soldatenfamilien in Iwanowo gesprochen hat, berichtet von einer "Mauer der Angst" – nach Nemzows Tod war sie nur umso stärker geworden.

Dabei war offenbar auch Geld im Spiel. Die Angehörigen von mindestens 150 Soldaten, die allein in der Schlacht um das ostukrainische Ilowajsk im August 2014 getötet worden sein sollen, haben laut dem Bericht rund 50.000 Euro Schmerzensgeld erhalten – unter der Bedingung, nicht in der Öffentlichkeit über den Tod der Männer zu sprechen. An die mindestens 70 Soldaten, die den Recherchen zufolge bei den Kämpfen um Debalzewe im Februar dieses Jahres getötet worden sein sollen, habe es hingegen keine solchen Zahlungen gegeben. Sie seien in den meisten Fällen gezwungen worden, formal aus der Armee auszutreten, bevor sie ihren Einsatz vermeintlich freiwillig antraten.

Nach den Schätzungen des Ökonomen Sergej Aleksaschenko, der an dem Bericht mitgearbeitet hat, soll Russland aus dem Staatshaushalt bisher rund 920 Millionen Euro für den Krieg in der Ukraine inklusive der Annexion der Krim aufgebracht haben. Rund 1,4 Milliarden sollen regionale Behörden seit Juli 2004 für Flüchtlinge aus dem Nachbarland ausgegeben haben.

Siegreich dank russischer Truppen

Der Report bringt kaum etwas ans Licht, das nicht schon bekannt wäre: Der größte Teil des Materials stammt aus öffentlich zugänglichen Quellen, etwa aus Medienberichten, erhärtet durch die Befragung von "Schlüsselzeugen", wie Jaschin bei der Vorstellung sagte. Dennoch: Die Informationen, die Nemzow und nach seinem Tod Aktivisten und Journalisten dort verarbeiten, setzen sich zu einem Puzzle zusammen, das die russische Verantwortung für den Krieg in der Ukraine noch einmal sehr deutlich zeigt. "Alle entscheidenden militärischen Siege" gegen die ukrainische Armee, fasste Jaschin zusammen, seien "von regulären russischen Truppen gewährleistet" worden.

Der Kreml hat die Vorwürfe immer wieder vehement abgestritten, den angeblichen Volksaufstand der Separatisten dort mit Waffen, Kämpfern und Geld erst zu einem echten Konflikt gemacht und weiter angetrieben zu haben. Doch diese Behauptungen waren schon vor dem Nemzow-Bericht Stück um Stück entlarvt worden: Die Leichen russischer Soldaten, die in der Ukraine gefallen waren, wurden in der Heimat namenlos begraben, die Wut der Angehörigen und die Aufmerksamkeit wuchsen. Verwundete Russen berichteten von ihrem Einsatz im Osten des Nachbarlands. Journalisten beobachteten vielerorts Militärkonvois, die über die Grenze in die Ukraine geschickt wurden. Die Anführer und Strategen der selbst ernannten Volksrepubliken von Donezk und Luhansk sprachen offen über die Hilfe aus Russland. Die ukrainische Armee nahm russische Fallschirmjäger fest.

"Lasst uns zusammen diesen Krieg beenden"

"Putin muss gestoppt werden", schrieb Nemzow in dem Report. "Und das kann nur das russische Volk tun. Lasst uns zusammen diesen Krieg beenden." Er glaubte daran, nur Druck von innen könne Präsident Wladimir Putin dazu bewegen, seine Politik zu ändern.

Es mag der richtige Weg sein, der russischen Bevölkerung die Augen zu öffnen und die Lügen des Kremls zu entlarven. Das war Nemzows Anliegen. Doch schon frühere Berichte, die er verfasste, der wichtigste sicherlich über die Korruption bei den Vorbereitungen für die olympischen Winterspiele in Sotschi, hatten nicht die erhoffte Wirkung. In den russischen Staatsmedien kamen sie nicht vor, Druckexemplare wurden teils beschlagnahmt, Webseiten von Hackern angegriffen, die allgegenwärtige Propaganda tat das Übrige – Umfragen zeigen, was das bedeutet: Nur wenige Russen haben von den Enthüllungen gehört.

Von dem jetzigen Report sind neben der Onlinefassung bisher 3.000 Exemplare verfügbar, für eine größere Auflage wollen die Aktivisten nun Geld sammeln. Aber selbst wenn es nicht an der Finanzierung scheitert: Es ist wohl nicht damit zu rechnen, dass ihr Engagement eine große Wirkung haben wird.