Unweigerlich wird es dramatisch, wenn die Ambitionen einer aufsteigenden Macht mit dem Beharrungswillen einer etablierten Macht zusammenprallen. Das wissen wir, seit im Peloponnesischen Krieg Athen und Sparta um die Vorherrschaft im antiken Griechenland kämpften. Der Harvard-Politikwissenschaftler Graham T. Allison hat 15 ähnliche Konstellationen seit dem Jahr 1500 erforscht; in elf Fällen gab es Krieg.

Und wie wird es im Ringen zwischen den Vereinigten Staaten und China sein, die im 21. Jahrhundert ihre Kräfte messen? Darum ging es beim 15. Treffen des Stockholm China Forum, der inzwischen hochkarätigsten transatlantischen Runde von Chinaexperten, die am vergangenen Wochenende im Kanton Guangzhou tagte. Wird es auch zwischen den beiden pazifischen Weltmächten eines Tages zum militärischen Konflikt kommen?

Wohl eher nicht, war die vorherrschende Meinung, auch wenn beide Länder in inniger Rivalität aufeinander fixiert sind. In Guangzhou übte man sich auf chinesischer Seite in Bescheidenheit: "Die USA werden noch auf viele, viele Jahre die Nummer eins sein!" Bei allem Streit um strategisch wichtige Inselgruppen im Südchinesischen Meer, die Vorstellung, China werde sich mit der US Navy anlegen, sei "purer Unsinn".

Es stimmt, auch wenn die Volksrepublik seit Jahren kräftig aufrüstet, bleibt Amerika militärisch um Längen überlegen. Um nicht in die Thukydides-Falle zu tappen, ist die Pekinger Führung entschlossen, die Rivalität lieber ökonomisch auszutragen. China ist heute unbestritten die stärkste Wirtschaftsmacht Asiens. Es ist wichtigster Handelspartner aller Nachbarländer; vor Kurzem waren das zumeist noch die USA.

Und China baut seine Wirtschaftsmacht systematisch weiter aus. Eine "neue Seidenstraße" soll über Südost- und Zentralasien nach Europa führen, zu Wasser und zu Lande. Gemeinsam mit den anderen Brics-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und Südafrika) hat es eine neue Entwicklungsbank gegründet.

Pekings derzeit spektakulärstes Projekt aber ist die Asiatische Infrastruktur-Investment Bank (AIIB), an der sich inzwischen 57 Staaten beteiligen. Washington sieht in der AIIB ein politisch motiviertes Konkurrenzunternehmen zu Weltbank und Internationalem Währungsfonds, in denen noch immer der Westen das Sagen hat. Auf allen diplomatischen Kanälen machten die Amerikaner Stimmung gegen die neue Bank. Aber Briten, Israelis, Australier, Deutsche und andere konnten gar nicht schnell genug dabei sein. Am Ende bestand die Ablehnungsfront nur noch aus den USA und Japan. "Wir haben es vermasselt", seufzte in Guangzhou ein Amerikaner, "wir sind regelrecht vorgeführt worden."

China sitzt auf einem gewaltigen Geldberg, die Devisenreserven betragen rund vier Billionen US-Dollar. Dieses Geld will die Regierung in Peking nicht allein in US-Anleihen anlegen, es soll auch in Asien, in Europa und im Rest der Welt investiert werden. Freundschaft allerdings kann man sich nicht kaufen. Das musste Peking in Myanmar und Sri Lanka erfahren; in beiden Ländern wurden nach massiven Protesten große, von China finanzierte Bauprojekte gestoppt.

So ergehe es einem eben mit wachsender Macht, hieß es dazu lakonisch von amerikanischer Seite. So wie es in den fünfziger Jahren den "hässlichen Amerikaner" gab, so werde es künftig den "hässlichen Chinesen" geben.

Eines steht fest: Mit der Macht wächst auch die Verantwortung. In vielen aktuellen Konflikten aber drückt sich China politisch und diplomatisch weg, in Syrien, im Iran – auch in der Ukraine. Natürlich hat Putin mit der Annexion der Krim gegen das von China heilig gehaltene Prinzip der "territorialen Unverletzlichkeit" verstoßen, aber verurteilen wollte Peking die russische Aggression dennoch nicht. Man müsse Verständnis für Moskaus "Sicherheitsinteressen" haben, entschuldigte ein chinesischer Teilnehmer in Guangzhou das Lavieren der eigenen Regierung, um dann zuzugeben: "China ist in eine extrem peinliche Situation geraten!"

Die Europäer, die in der Ukraine-Krise einmütig und eindrucksvoll agieren, sind im transpazifischen Mächteringen nicht viel mehr als interessierte Beobachter. Und doch müssen sie auch dort im wörtlichen Sinne Farbe bekennen. Denn die Paranoia Pekings angesichts der Farbrevolution in der Ukraine, des Arabischen Frühlings und der Regenschirm-Rebellion in Hongkong ist um keinen Deut geringer als bei Putin.

Der "neue Typus der Großmacht-Beziehungen", wie Pekings Formel für das amerikanisch-chinesische Verhältnis heißt, betrifft deshalb auch die Europäer. Europa mag keine Weltmacht sein, aber wirtschaftlich und diplomatisch bringt die EU genügend Gewicht auf die Wage, um es gemeinsam mit den anderen Demokratien autoritären Regierungen – egal, ob an ihrer Spitze Wladimir Putin steht oder Xi Jinping – schwerer zu machen, die künftige internationale Ordnung nach ihrem Bilde zu formen.