Am Anfang der Tragödie steht ein Mord. Am Ende treiben Boote mit Tausenden Flüchtlingen vor den Küsten Malaysias und Indonesiens. Sie haben kein Wasser und keine Lebensmittel. Es ist eine der größten Flüchtlingskrisen in Asiens jüngerer Geschichte. Und es wäre zu ihr wohl nicht gekommen, hätte der Mann, der auf den Namen Kuramia hört, nicht bis zum bitteren Ende um seinen Neffen Kazim gekämpft.

Kazim war Flüchtling aus Myanmar. In Thailand wurde er von Menschenhändlern verschleppt und im Dschungel festgehalten. Kuramia, der Onkel, sollte 95.000 thailändische Baht, umgerechnet rund 2.500 Euro, als Lösegeld bezahlen. Er schickte das Geld an die Entführer. Doch sein Neffe kam dennoch nicht frei. Stattdessen forderten die Schlepper noch mehr Geld. Kuramia alarmierte die Polizei. Im Dschungel an der Grenze zu Malaysia entdecken die Beamten dann nicht nur Kazims Leiche in einem Massengrab, sondern auch mehrere große Umschlagplätze asiatischer Schleuserbanden, die auf Hunderte Menschen ausgelegt waren.

Das war Anfang Mai. Thailändische Behörden befinden sich seither in einem Großeinsatz, um die Menschenschmuggler zu vertreiben und ihre Lager aufzulösen. Mit Erfolg, wie es scheint: Eineinhalb Wochen später ist das Geschäft der Schlepper unter chaotischen Umständen zusammengebrochen. Doch der Schlag gegen die Kriminellen hat auch gravierende negative Folgen. Die Hintermänner sind auf der Flucht. Die bisherigen Routen für die Flüchtlinge sind versperrt, die Schleuserboote können nicht mehr vor der thailändischen Küste anlegen. Die Flüchtlinge befinden sich nun in Lebensgefahr, allein auf dem Meer.

Einer der Betroffenen ist Abdul Rahamad, ein 15 Jahre alter Junge, der wie fast alle Passagiere auf den Flüchtlingsbooten zu der in Myanmar verfolgten Volksgruppe der Rohingya gehört. Er treibt auf einem Schiff, irgendwo im Indischen Ozean. Wo genau, kann er nicht sagen, als er am Mittwoch mit thailändischen Reportern über ein Mobiltelefon spricht. "Es ist sehr eng hier", sagt er. Rund 400 Menschen seien mit ihm an Bord. "Seit zehn Tagen haben wir nichts mehr zu essen und zu trinken." 22 Menschen seien bereits gestorben.

Die Schleuser, mit denen Abdul Rahamad an Bord ging, in der Hoffnung ein besseres Leben zu erreichen, hätten das Schiff mit kaputtem Motor zurückgelassen – wohl aus Angst vor dem Großeinsatz der thailändischen Behörden. Die Flüchtlinge in die Lager im thailändischen Dschungelumschlagplatz zu bringen, war bislang der gängige Weg der Schlepper. Doch das funktioniert nicht mehr, seit die Polizisten die Wälder durchkämmen. Die Menschenschmuggler, die laut einem vor wenigen Wochen veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen in Asien jährlich zwei Milliarden US-Dollar umsetzen, müssen in Deckung gehen.

Bei ihrer Flucht von dem Schiff, auf dem sich Abdul Rahamad befindet, ließen sie mehrere Handys zurück. Die Geräte sollten ursprünglich dazu dienen, wie im Fall von Kazim und Kuramia Lösegeld von Angehörigen zu erpressen. Jetzt nutzen die Zurückgelassenen die letzten Akkuladungen für einen Hilfeschrei. "Alles, was wir tun können, ist auf Rettung zu warten", spricht der Teenager mit geschwächter Stimme in das Telefon.

"Sie sahen nicht aus, als ob sie in Gefahr waren"

Doch die Rettung droht auszubleiben. Die Organisation für Migration schätzt, dass sich rund 8.000 Flüchtlinge wie Abdul Rahamad derzeit auf Booten vor der Küste Südostasiens befinden. Die Kapitäne hätten sich längst abgesetzt. Mit den hilflosen Passagieren wollen die Länder in unmittelbarer Umgebung aber nichts zu tun haben. Die Regierung von Malaysia, dem eigentlichen Zielland der Flüchtlinge, kündigte am Mittwoch ein hartes Vorgehen an. "Wir wollen nicht, dass sie zu uns kommen", sagte der stellvertretende Innenminister Wan Junaidi Tuanku Jaafar. "Wir sind für eine so große Zahl nicht gerüstet und werden diejenigen, die bereits angekommen sind, wieder zurückschicken." Die Armee des Landes bekräftigte, keine Boote mehr zur Küste durchzulassen.

Fast 2.000 der Flüchtlinge waren am Wochenende mit ihren Booten in Malaysia und Indonesien an Land gespült worden und befinden sich jetzt in Auffanglagern. Auch die indonesischen Behörden gehen zu ihnen auf Distanz: Die Marine des 250 Millionen Einwohner großen Landes stoppte ein Flüchtlingsboot mit Hunderten Passagieren. Man habe sie versorgt und ihnen dann die Richtung nach Malaysia gezeigt, teilte ein Armeesprecher mit: "Sie sahen nicht aus, als ob sie in Gefahr waren."

Die Vereinten Nationen warnen jedoch vor einer humanitären Krise, sollten die Länder die Flüchtlinge weiter abweisen. "Empörend und nicht akzeptabel", nennt Phil Robertson, stellvertretender Leiter der Asien-Sektion der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, die Zurückweisung der Flüchtlinge auf hoher See. Diese Entscheidung werde zu Todesopfern führen, die man leicht vermeiden könne. Er fordert Malaysia, Indonesien und Thailand auf, gemeinsam humanitäre Hilfe zu leisten – und auch Druck auf Myanmar, als Ursprung des Problems auszuüben.

Denn die Rohingya, die jetzt zu Tausenden auf den Booten festsitzen, haben allen Grund, aus ihrer Heimat zu fliehen. Die muslimische Minderheit wird in dem buddhistischen Land seit Jahrzehnten verfolgt. Immer wieder kommt es zu Hetzjagden extremistischer Mobs. Human Rights Watch spricht von ethnischen Säuberungen. Die Regierung verweigert der Gruppe, die rund 800.000 Personen umfasst, grundlegende Bürgerrechte wie zum Beispiel einen Pass. Sie gelten als die größte staatenlose Gruppe der Welt.

"Den einzigen Ausweg sehen viele in den Menschenschmugglern", sagt Robertson. Schätzungen seiner Organisation zufolge haben sich allein in den vergangenen drei Monaten 30.000 in Booten auf den Weg gemacht. Dafür bezahlen sie viel Geld. Am Ende droht ihnen die Ausbeutung durch die Kriminellen und sogar der Tod. Der 15-jährige Abdul Rahamad fürchtet ein tragisches Ende seiner Reise. "Wir haben keine Ahnung, was als Nächstes passieren wird", sagt er. "Wir wissen nicht, ob wir hier mitten im Nirgendwo sterben werden."