Das britische Wahlergebnis kann die Europäer nicht kalt lassen. Zwei Fragen stellen sich nach dem Sieg der regierenden Konservativen. Zum einen: Kann David Cameron das Vereinigte Königreich zusammenhalten, oder spaltet sich Schottland doch noch ab? Zum zweiten: Wird seine riskante Festlegung auf ein Referendum über Großbritanniens EU-Mitgliedschaft zum "Brexit" führen – dem Austritt des Inselreiches aus der Brüsseler Gemeinschaft?

Anders gesagt: Läuft es auf ein Rumpf-Britannien hinaus oder auf ein Rumpf-Europa?

Im vergangenen Jahr haben die Schotten der Abspaltung Schottlands in einer Volksabstimmung 55:45 eine Absage erteilt. Der rauschende Wahlsieg der Schottischen Nationalpartei (SNP) könnte die Frage der Unabhängigkeit allerdings ein weiteres Mal auf die Tagesordnung setzen. Von den 59 schottischen Parlamentssitzen hat die SNP 56 errungen. Damit ist sie in Westminster die drittstärkste Partei geworden, die ehemals führende Labour Party wurde bis auf ein Mandat dezimiert.

Den Briten ist eine Zersplitterung des Parteiensystems noch einmal erspart geblieben. Das Mehrheitswahlrecht mit seinem Prinzip first past the post hat schon immer höchst unfaire Ergebnisse begünstigt; da konnte eine Partei 28 Prozent der Stimmen gewinnen und doch nur 5 oder 6 der 650 Unterhaussitze ergattern. Das war dieses Mal nicht anders: Die Schottische Nationalpartei erhielt bei einem Anteil von 1,45 Millionen Stimmen 56 Sitze, die europhobe und immigrationsfeindliche United Kingdom Independence Party (Ukip) musste sich – worüber man sich zugleich wundern und freuen darf – trotz vier Millionen auf sie entfallener Stimmen, 13 Prozent immerhin, mit einem einzigen Mandat abfinden.

Das Resultat ist ein gründlich veruneinigtes Königreich. Einem ausgabenfreudigen schottischen Separatismus steht eine auf Austerität festgelegte Tory-Regierung in London gegenüber. Hinzu kommt, dass die Schotten unbeirrt auf Europa schwören, Camerons Referendumspolitik am Ende tatsächlich jedoch zu einem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU führen kann – was wiederum den Schotten zusätzlichen Anlass bieten würde, aus dem Vereinigten Königreich in die Unabhängigkeit auszubrechen.

Die Europäer müssen sich nun darauf einrichten, dass der wiedergewählte Premierminister Cameron seine Ankündigung wahrmacht und bis Ende 2017 das Volk darüber abstimmen lässt, ob Britannien in der EU bleiben soll oder nicht. Bis dahin will er mit den übrigen 27 Staaten der Union und der Juncker-Kommission eine neue Vertragsgrundlage der britischen Mitgliedschaft aushandeln. Dabei geht es ihm darum, Zuständigkeiten aus Brüssel wieder zurückzuholen in die Entscheidungskompetenz der Regierungen, ein Gutteil Deregulierung durchzusetzen und der Einmischung der Kommission in nationale Angelegenheiten Schranken zu setzen.

Die Crux ist allerdings, dass Cameron seine Vorstellungen bisher nur in Gemeinplätzen vorgetragen hat. Ein 3.000 Seiten starkes Gutachten mit dem Titel Balances of Competences ist rasch als wenig hilfreich beiseitegelegt worden. Was also will Cameron konkret? Worauf will er hinaus? Wenn es ihm primär darum geht, den euroskeptischen Flügel seiner Tory-Partei zu befrieden und befriedigen, kann er schwerlich die Zustimmung der EU-Partner erwirken, so gern ihm diese auch in einzelnen Punkten zustimmen und entgegenkommen mögen.

Es wird nicht einfach sein, eine Lösung zu finden, die allen Beteiligten erträglich, sinnvoll und akzeptabel erscheint. Ohnehin werden die zeitraubenden Verhandlungen und Zustimmungsvorhaben es Cameron nicht leicht machen, seinen Referendumstermin Ende 2017 einzuhalten.

Er muss sich jetzt rasch darüber klar werden, was seine Minimalziele sind. Zugleich müssen sich die Europäer darüber verständigen, welchen Preis sie zu zahlen bereit sind, um England in der EU zu halten.

Ich gehöre zu denen, die den "Brexit" für ein Desaster halten – für Britannien wie für Europa. Doch es gibt Grenzen des Entgegenkommens. Wie Thomas Frankenfeld im Hamburger Abendblatt schreibt: "Auf die Dauer ist die britische Neigung, die Vorzüge EU-Europas einzuheimsen und unangenehme Verpflichtungen durch egoistische Sonderregelungen zu entschärfen, auch für die EU nicht tragbar."

So oder so ist zu befürchten, dass die Europäische Union in eine Phase der Ungewissheiten steuert. Ein Austritt Englands aus der EU und ein Ausscheiden Schottlands aus dem Vereinigten Königreich sind nicht länger undenkbar. Es ist jede Mühe wert, beides zu verhindern. In einer Zeit, da sich die Welt neu ordnet, darf sich die EU nicht aus dem Kreis der globalen Gestaltungsmächte zurückziehen.