Scheitert das große Experiment am Ende doch? Politische Autonomie nach dem Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" hatte Peking den Bürgern Hongkongs versprochen, als die Briten 1997 ihre Kronkolonie an China zurückgaben. Anfangs schien sich die Regierung der Volksrepublik tatsächlich nicht nur an den Buchstaben, sondern auch an den Geist der Vereinbarung mit London zu halten.

Wenig ist davon geblieben. Stattdessen mischt sich Peking immer unverhohlener in die Belange der Stadt ein. Die hat sich zwar manche ihrer alten Stärken bewahrt – der Rechtsstaat funktioniert immer noch, die Korruption ist unter Kontrolle. Die Geschäfte gehen gut, davon zeugen die immer neuen, immer pompöseren Wolkenkratzer, die über Hongkong Island und Kowloon in den Himmel ragen.

Aber wer sich umhört, spürt den Verdruss. Viele Jüngere sehen für sich keine Zukunft in einer Stadt, über deren Schicksal, so empfinden es viele, eine unheilige Allianz von Tycoons und Kommunisten entscheidet.

Die Wut über die hohen Preise, die unbezahlbaren Wohnungen und die kargen Gehälter entlud sich im vergangenen Herbst. Das von Peking verkündete neue Wahlrecht war nur der Auslöser für die "Regenschirm-Revolution" der Studenten, die 79 Tage lang die wichtigsten Straßen im Stadtzentrum blockierten.

Ende Juni soll nun das Parlament über das neue Wahlrecht abstimmen, nach dessen Vorschriften in zwei Jahren erstmals über den nächsten Chief Executive, den Verwaltungschef und höchsten politischen Repräsentanten der Stadt, abgestimmt werden soll. Aber die Regularien, die sich die chinesische Zentralregierung für die Nominierung der Kandidaten ausgedacht hat, dürften sicherstellen, dass nur ein treuer Statthalter Pekings, ein wahrer Patriot, die Chance hat, gewählt zu werden.

Scheindemokratie, da machen wir nicht mit! So zürnt die Opposition, die über 27 der insgesamt 70 Sitze im Parlament, dem Legislative Council, verfügt. Stimmt sie einheitlich ab, fehlt die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit für das neue Wahlgesetz. Unverantwortlich sei das, schallt es aus dem "Pro-Establishment"-Lager (das sich selbst so nennt) zurück, denn Hongkong erhalte mit dem neuen Gesetz erstmals in seiner Geschichte das allgemeine Wahlrecht.

Bisher aber ist die Opposition in ihrer Ablehnung geschlossen. Vom einem allgemeinen Wahlrecht könne keine Rede sein, weil niemals der Name eines Peking-Kritikers auf dem Wahlzettel stehen werde. 

Weshalb wohl alles beim Alten bleiben wird und auch künftig die 1.200 Mitglieder eines überwiegend nach Berufsgruppen zusammengesetzten Wahlkomitees über den Chief Executive entscheiden werden, nicht die fünf Millionen Bürger Hongkongs.

Das ist nun wahrlich auch nicht demokratischer als das von Peking vorgeschlagene Verfahren. Aber ein Oppositionsabgeordneter, der aus der Ablehnungsfront ausschert, würde wohl politischen Selbstmord begehen; bei seinen Wählern und den Parteifreunden, die keinen Kompromiss mit Peking dulden, dürfte er sich nicht mehr sehen lassen.

Die chinesische Regierung wiederum kann mit dem Status quo problemlos leben. Ohnehin passt jedes Experimentieren mit mehr Demokratie, und sei es noch so verzagt und durchsichtig wie in Hongkong, nicht zur Repression, die sich unter Staats- und Parteichef Xi Jinping immer weiter verschärft. "Westliche Werte" bekämpft Xi als gefährlichstes politisches Gift. Demokratie, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, ein Mehrparteiensystem: Nichts davon passt nach Ansicht Xis zu dem von ihm propagierten "Chinesischen Traum".

Wenn Hongkong nicht will, dann eben nicht, wird deshalb die Reaktion in Peking auf eine Niederlage im Legislativrat sein. Sollen die verwöhnten, undankbaren Hongkonger doch sehen, wohin sie ihr Hochmut führt! Darin wird sich die Regierung mit den meisten  Chinesen einig sein, nach deren Ansicht die Bürger der Ex-Kolonie ohnehin zu viele Privilegien genießen.

Vielleicht sollte es sich die Opposition also noch einmal überlegen, sagt ein amerikanischer Beobachter in Hongkong, der auch die Machtzirkel in Peking genau kennt. Es sei eine Illusion, ein Nachgeben Chinas zu erwarten. Ein anderes Angebot werde es nicht geben.

Ein Land, zwei Systeme – und viel Missmut zwischen Zentrum und südlicher Peripherie. Denn wie soll das gehen? Wie sollen sich Demokratie und Diktatur im selben Land vertragen? Es klang wie eine Zauberformel. In Wahrheit bleibt Hongkong für seine Bürger, was es schon unter den Briten war: ein geborgter Ort für eine geborgte Zeit.