Allerdings ist der Versuch radikaler Islamisten, den Propheten Mohammed als machtbesessenen Wüstenkrieger darzustellen, nicht bloß eine Erfindung der Islamkritiker. Radikale Denker entwickelten dieses Bild als Reaktion auf Fremdherrschaft und Kolonialismus. Es ist also nicht sinnvoll, die jüngste Geschichte des politischen Islam rückwirkend auf die gesamte Geschichte des Islam zu projizieren. Fanatiker gleich welchen Hintergrundes waren schon immer das Produkt von sozialen oder politischen Problemen.

Mohammed steht im Koran hingegen eher für seine unzähligen Akte der Gnade, Liebe und des Mitgefühls. Im Koran heißt es sogar: "Wir entsandten dich nur als eine Barmherzigkeit für alle Welten" (21:107). Gemäß Eigendefinition ist der Koran eine "Rechtleitung für die Rechtschaffenen" (2:2), die "Gereinigten" (56:79) und nicht für Menschen gedacht, "in deren Herzen Verderbnis wohnt" (3:7). 113 der 114 Suren des Koran beginnen mit den Worten "Im Namen Gottes des Gnädigen des Barmherzigen".

Der IS fällt in vorislamische Muster zurück

Auch eine Trennung von Staat und Religion ist im Islam vorgesehen. Die "Charta von Medina", die der Prophet Mohammed im Jahre 622 mit jüdischen, christlichen sowie polytheistischen Stämmen aufsetzte, sah vor, dass das Sakrale und Säkulare im Islam nebeneinander existieren – die Neutralität des Staates war gesichert. Den Stämmen wurden ihre jeweiligen Grundfreiheiten eingeräumt. Unparteiische Richter trafen die rechtlichen Urteile.

Wenn nun Islamkritiker wie Geert Wilders oder Ayaan Hirsi Ali die Abschaffung der Scharia fordern, gehen sie einem populistischen Begriff der Islamisten auf den Leim. Denn die "Scharia" umfasste ursprünglich die gesamte Lehre des Islams. Wer sie abschaffen wollte, würde den Islam abschaffen. Als juristisches System bestehend aus Paragraphen entstand der Begriff erst Jahrhunderte nach dem Tod des Propheten. Gelehrte hatten versucht, Normen aus dem Koran abzuleiten und zu bestimmen. Die Scharia als inspirierende Quelle für die Politik wird von Marokko bis Indonesien ganz unterschiedlich verstanden. Denn der Koran ist kein reines Gesetzbuch und der darin enthaltene, oft überdramatisierte Strafkodex wird seit jeher dynamisch ausgelegt. Der Koran hat zwar auch eine politische Dimension, aber sie ergibt sich ausschließlich aus der Forderung, sich für eine gerechte Gesellschaftsordnung einzusetzen.

Der Islam braucht keine Aufklärung, aber einen Reformator

Muslime in Deutschland leben trotz "Scharia" konfliktfrei mit den deutschen Gesetzen. Sie genießen Religionsfreiheit, haben Moscheen. Sie können fünf Mal am Tag beten, fasten, Almosen zahlen und die Pilgerfahrt verrichten. Auch werden sie nicht darin gehindert, die ethischen Aspekte der "Scharia" zu praktizieren. Die "Scharia" will, dass Muslime nicht lügen, nicht stehlen, gütig gegenüber der gesamten Schöpfung sind, dass sie keine Unruhe stiften, niemanden diskriminieren.

Der Islam braucht auch keine Aufklärung. Das ist nichts weiter als ein uraltes Ressentiment eines sich selbst überhöhenden Westens. Zweifellos sollten sich jedoch viele Muslime mehr mit ihrer eigenen Religion auseinandersetzen. Das heißt nicht der Islam, aber die Muslime brauchen Aufklärung. Das verlorengegangene Wissen über den Islam muss wiederhergestellt werden. Eine reformatorische Führungsfigur wäre wünschenswert. Jedenfalls sollten die Muslime mehr über die friedliebende, tolerante und spirituelle Botschaft des Islam lernen, um den Fanatikern etwas entgegensetzen zu können. 

Übrigens prophezeite der Prophet Mohammed, dass eine Zeit kommen würde, in der nichts vom Islam übrig bleiben werde, außer der bloße Name und nichts vom Koran als seine Worte. Die Moschee würden voll sein von Betenden, aber der göttlichen Leitung beraubt. Die Religionsgelehrten jener Zeit würden die schlimmsten Kreaturen auf der Erde sein. So weit muss es ja nicht kommen. Denn bisher sind die Islamisten eine kleine Minderheit.