Liebe Leser, vielleicht kennen wir uns von der Printausgabe der ZEIT, wo ich im Politikteil schreibe. Nun bin ich sechs Monate in der Türkei, für ein Stipendium am Istanbul Policy Center, das viel mit Politik, aber wenig mit Journalismus zu tun hat – aber wenn Sie mögen, berichte ich Ihnen hier auf ZEIT ONLINE einiges von dem, was sich in der Türkei tut. Manchmal werden das kleine Notizen sein, manchmal Analysen, manchmal Beobachtungen.

Wie zum Beispiel vom 1. Mai. Vor einigen Monaten sagte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan: "Nirgendwo auf der Welt ist die Presse freier als in der Türkei." Lassen wir den 1. Mai 2015 mal im Geiste dieses Satzes Revue passieren.

Schon am Abend davor kann man zumindest zweifeln. Schilder an der Metro oder der Fähre weisen darauf hin, dass diese oder jene Verbindung am Tag der Arbeit stillgelegt ist. An vielen Ecken stehen, ordentlich aufgereiht, Absperrgitter der Polizei, noch nicht aufgestellt, aber bereit zum Einsatz.

Und sie werden eingesetzt, überall. Das Herz Istanbuls wird bereits am Morgen geschlossen. In und um dieses Herz, den Taksim-Platz, den eigentlich öffentlichsten Ort der Stadt, dort, wo die Gezi-Proteste begannen und wo alle, wirklich alle Menschen hingehen, egal ob arm, reich, Türke, Kurde, Hedonist oder Frommer, herrscht eine merkwürdige Stille. Dabei weiß jeder, dass dieser Tag nicht ruhig und friedlich verlaufen wird.

Das liegt vor allem an den Absperrungen. Daran, dass den Bürgern die öffentlichen Plätze an einem so besonderen Tag genommen werden. Dabei war der Taksim-Platz traditionell der Ort für Kundgebungen und Demonstrationen aller Art. Bis 1977 hielten auch die zahlreichen türkischen Gewerkschaften ihre 1.-Mai-Kundgebungen dort ab, häufig mit viel Krawall, Verletzten, Toten. Es war die Zeit der großen Auseinandersetzungen zwischen Rechts und Links.

Die Polizisten nennen an jeder Absperrung neue Gründe

Nach einem Attentat und einer Massenpanik mit Dutzenden Toten wurde der Platz für den 1. Mai geschlossen. 2010 bis 2012 allerdings wieder geöffnet – von dem damaligen Premierminister Erdoğan. Aber dann kam Gezi, der Bürger zeigte sich nicht von seiner braven Seite. Seitdem beherrscht den 1. Mai und viele andere symbolische Tage ein Wort: kapali – geschlossen, gesperrt, kein Durchgang. Auf Wiedersehen. Sie wohnen hier? Ihr Problem. Bis wann abgesperrt sein wird? Dazu kam keine Anweisung.

Aber so einfach ist es natürlich nicht, den Bürger von öffentlichen Plätzen, die ja eigentlich ihm gehören, fern zu halten. Die sind ja überall. Den Bürger wird man halt nicht los. Und so versammeln sich an diesem 1. Mai viele Istanbuler am Beşiktaş-Square, Luftlinie vielleicht zwei Kilometer vom Taksim-Platz entfernt. Wir lesen auf Twitter, dass sich dort einige linke Gewerkschaften versammeln. Also versuchen wir hinzukommen. Interessant ist, dass die Polizisten an jeder Absperrung andere Gründe nennen, warum der Durchgang nicht möglich sei. An der ersten haben wir noch Glück. Wir zeigen unseren deutschen Presseausweis vor, dürfen passieren. An einer zweiten heißt es: Dieser Presseausweis ist hier nicht gültig. Und außerdem benötigen Sie eine polizeiliche Erlaubnis, ausländische Presse darf hier nicht durch. Wir kehren um, suchen einen neuen Weg, wie so viele andere. Nächste Absperrung: ausländische Presse? Nein, Ausweis reicht nicht, wissen Sie denn nicht, dass Sie auch Ihren Reisepass dabei haben müssen?

Anruf bei dem für ausländische Presse zuständigen Beamten für Istanbul. Der arme Mann kann sich nur für die Unannehmlichkeiten entschuldigen. Nein, nein, die Erfordernisse für die Presse änderten sich stündlich, je nach Sicherheitslage. Man sei auch nicht richtig in Kenntnis gesetzt.

Wie frei kann denn die Presse sein, wenn nicht einmal der normale Bürger überall hin kann, wo er hin will?