ZEIT ONLINE: Seit 2011 sitzen Sie als einer von vier muslimischen Lords im britischen Oberhaus. Wie sind Sie in dieses Amt gekommen?

Lord Ahmad of Wimbledon: Ich bin seit 1994 bei den Konservativen aktiv. Jahrelang habe ich Lokalpolitik gemacht, bis mich der Vorsitzende David Cameron zu seinem Stellvertreter machte. Ich komme aus der Finanzdienstleistungsbranche, in der ich 20 Jahre gearbeitet habe. Nebenher habe ich mich in zahlreichen gemeinnützigen Organisationen engagiert. Im Sommer 2010 bekam ich dann einen Anruf vom Premierminister, dass er mich der Königin als Lord vorschlagen würde. Das war für mich natürlich eine große Überraschung und Ehre.

ZEIT ONLINE: Sie sind der erste Muslim, der durch die Königin zum Lord-in-Waiting ernannt wurde. Was bedeutet das?

Lord Ahmad: Das ist eine symbolische Aufgabe. Immer wenn die Königin einen Staatsgast nicht empfangen kann, gehöre ich zu einer Gruppe von zehn ausgewählten Vertretern Ihrer Majestät.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich jemals vorstellen können, dass Sie so weit kommen werden?

Lord Ahmad: Als ich anfing, Lokalpolitik zu machen, hätte ich mir niemals denken können, dass ich in dieser Position und gleichzeitig als Staatsminister für lokale Belange im Kabinett landen würde. Es ist tatsächlich eine unglaubliche Reise, die hinter mir liegt.

ZEIT ONLINE: Was empfanden Sie als größte Herausforderung auf dieser Reise?

Lord Ahmad: Politiker zu sein, ist oft eine harte Prüfung. Mit allem, was man tut und sagt, steht man unter öffentlicher Beobachtung. Man muss also sicherstellen, dass man über jede Äußerung und Handlung reflektiert und damit eine Beständigkeit in den politischen Positionen entwickelt. Über die letzten Jahre konnte ich ein Bewusstsein und ein Feingefühl dafür entwickeln.

ZEIT ONLINE: Spielen für Sie als Muslim ethische Fragen in der Politik eine besondere Rolle?

Lord Ahmad: Man muss seinen Prinzipien treu bleiben. Besonders bei moralischen Fragen muss man Rückgrat beweisen. Ein Beispiel ist die Sterbehilfe. Als religiöser Mensch bin ich davon überzeugt, dass die Entscheidung über Leben und Tod allein bei Gott liegt. Und ich habe immer deutlich gemacht, dass wenn es zu einer Abstimmung über eine Gesetzesänderung kommt, ich einzig und allein gemäß meiner ethischen Prinzipien urteilen werde.

ZEIT ONLINE: Ihre Eltern sind aus Indien und Pakistan nach Großbritannien eingewandert. Welche Werte haben sie Ihnen vermittelt?

Lord Ahmad: Respekt gegenüber den Mitmenschen, der Familie und der Gesellschaft. Nicht nur auf sich selbst fokussiert zu sein, sondern den Blick auch auf seinen Mitmenschen zu richten und zu schauen, wie man ihn unterstützen kann. Wissen Sie, ich bin ein Mensch, der versucht, seinen religiösen Prinzipien so gut es geht zu folgen. Meine Religion sagt mir, dass ich mich jenseits der Schnelllebigkeit unserer Welt immer wieder auf das Wesentliche im Leben besinne, ausgiebig reflektiere und dankbar dafür bin, was ich habe. Ich wurde von meinen Eltern religiös erzogen, auf Basis einer Lehre, die Integration und ein besseres Miteinander fördert.

ZEIT ONLINE: Für Sie war auch die Bildung ein wichtiger Schlüssel zum beruflichen Erfolg. Was hat Sie inspiriert?

Lord Ahmad: Bildung bedeutet Emanzipation. Der Heilige Prophet des Islam sagte, dass es die Pflicht eines Gläubigen ist, von der Wiege bis zum Grab, nach Wissen zu streben. Ich erinnere mich auch an meinen Vater, wie er sagte: "Wo auch immer du in der Welt sein solltest, deine Bildung ist etwas, was dir niemand nehmen kann. Es wird nicht nur dir und deiner Familie helfen, sondern der ganzen Gesellschaft."

ZEIT ONLINE: Sicher gab es auch Hindernisse im Zusammenleben. Haben Sie selbst Diskriminierungen erlebt?

Lord Ahmad: Ich habe es für mich selbst immer als sehr bereichernd empfunden, ein Muslim mit indisch-pakistanischen Wurzeln zu sein. Gleichzeitig bin ich stolz, ein Brite zu sein, und habe für mich selbst nie einen Konflikt in Bezug auf Kultur, Religion und Nationalität wahrgenommen. Klar gab es Diskriminierung in meiner Jugend. Ich wuchs in den 1970er Jahren auf und erlebte Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe und – in geringerem Maße als heute – aufgrund meiner Religion. Aber auch wenn von Zeit zu Zeit rechte Parteien aktiv wurden, hat sich die britische Gesellschaft immer wieder als widerstandsfähig erwiesen. Es zeichnet eine zivilisierte Gesellschaft aus, dass sie sich gegen jede Art von Vorurteilen und Ausgrenzungsversuchen zu Wehr setzt.

ZEIT ONLINE: Dennoch wurde auch im jetzigen Wahlkampf mit dem Thema Einwanderung Angstmache betrieben.

Lord Ahmad: Ich würde nicht sagen, dass es um Angst geht. Es sind durchaus berechtigte Sorgen, die da angesprochen wurden. Einwanderung ist für unser Land lebensnotwendig. Aber den Menschen bereitet Sorge, dass die Zahl der Einwanderer von außerhalb der EU gestiegen ist. Sie fragen sich, ob diese Einwanderung förderlich ist für den Forstschritt unseres Landes. Ich selbst werde meine Stimme stets besonders für all diejenigen Flüchtlinge erheben, die tatsächlich aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt werden.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, es würden keine Ängste geschürt. Aber macht die Ukip nicht genau das?

Lord Ahmad: Ich kenne Nigel Farage, den Ukip-Vorsitzenden. Einige stempeln ihn als Rassisten ab, aber das ist weitab von der Wahrheit. Natürlich hat Ukip das Thema Einwanderung ins Zentrum gerückt, aber ihre Sorgen sind berechtigt, und auch die dadurch ausgelöste Debatte ist berechtigt.

ZEIT ONLINE: Halten Sie es für möglich, dass in naher Zukunft ein Politiker, der einer ethnischen Minderheit angehört, zum Premierminister gewährt wird?

Lord Ahmad: Wir sind nicht mehr weit davon entfernt. Margaret Thatcher war der erste weibliche Premierminister. Und wir hatten bereits neun Minister mit schwarzer und brauner Hautfarbe in den Reihen unserer konservativen Partei. Das spiegelt die Stärke unserer Demokratie wieder.