ZEIT ONLINE: Herr Reljić, der Gewaltausbruch in Mazedonien am Wochenende kommt für viele Menschen überraschend. Wie ist die Situation im Land derzeit?

Dušan Reljić: Wir wissen bisher nicht genau, um welche Gruppe es sich gehandelt hat. Nach Angaben der mazedonischen Regierung jedenfalls sollen es bewaffnete Kämpfer gewesen sein, die der sogenannten "Albanischen Befreiungsarmee" nahestehen. Das sind Aufständischen-Gruppen, die seit Jahren in der Region operieren und sich zum Ziel gesetzt haben, eine Vereinigung der von Albanern besiedelten Gebiete zu erreichen, also Gebiete im Kosovo, Nordwest-Mazedoniens, Albaniens und in Teilen Südserbiens und Montenegros.

ZEIT ONLINE: Wie politisch sind diese Gruppierungen? Könnte im Hintergrund nicht auch organisierte Kriminalität stehen?

Reljić: Der Unterschied zwischen der organisierten Kriminalität und den verschiedenen aufständischen Gruppen und sogar den Regierungen in der Region war nie eindeutig. Hervorgegangen sind die albanischen Guerilla-Gruppen auch aus Schmuggler-Banden, die Drogen wie Heroin aus der Türkei über Bulgarien transportieren. Es gab darüber hinaus nie eine ernsthafte Überprüfung derjenigen Personen, die aus diesem Milieu in die Politik und später in Regierungen übergegangen sind. Das Hauptinteresse des Westens lag darin, Stabilität in der Region herzustellen.

Auch die jetzt noch aktiven Gruppen sind zurückzuführen auf Abspaltungen aus dem albanischen Mainstream der Guerilla-Bewegung der neunziger Jahre und des Jahres 2001, als in Mazedonien ein großer Aufstand probiert wurde. Das Ziel war auch damals die Errichtung eines Großalbaniens. In der Zwischenzeit jedoch sind verschiedene Guerilla-Strömungen an die Macht gekommen, auch in Mazedonien.

ZEIT ONLINE: Woher kommen die Waffen?

Reljić: Es sind nach wie vor viele Waffen aus dem Kosovo-Krieg und den anderen jugoslawischen Kriegen im Umlauf. Außerdem ist es in dieser Region nicht besonders schwierig, Waffen zu beschaffen. Der illegale Markt erstreckt sich über den gesamten Mittelmeerraum bis in die arabischen Länder und den Kaukasus-Raum, wobei die Schmuggel-Routen sich mit denen des Drogen-Handels überschneiden.

ZEIT ONLINE: Woher kommen die Kämpfer?

Reljić: Darauf kann kaum jemand eine Antwort geben. Eine richtige Grenze gibt es in diesem Gebiet nicht. Die Familien sind über den Kosovo, Serbien oder Mazedonien verteilt. Man kann keinen direkten Unterschied zwischen den mazedonischen Albanern und den Kosovo-Albanern ausmachen. Das ist eine Ethnie. Außerdem kämpfen mehrere Hundert junge Muslime aus der Region im Nahen Osten auf der Seite der Islamisten, einige sind mit Kampferfahrung zurückgekehrt.