Orange und schwarz leuchten die Farben des Sieges. In fünf Streifen bilden sie das Sankt-Georgs-Band, Symbol für militärische Tapferkeit, für den Sieg über Nazi-Deutschland einst. Mittlerweile steht das Band auch noch für einen anderen, viel aktuelleren Krieg. Aber dazu später mehr.

Zur Schleife geschwungen haben Frauen das Bändchen an ihre Handtaschen gebunden, Männer tragen es am Revers. Schwarz und Orange zieren Autoantennen und Metrotüren, Flaggenmasten und Plakatwände. Seit Tagen sind die Farben überall zu sehen. Seit Tagen fiebert Russland dem 9. Mai entgegen, Russlands wichtigstem Feiertag gleich nach Neujahr: dem Tag des Sieges der Sowjetunion über Hitlerdeutschland.



Höhepunkt ist die Militärparade auf dem Roten Platz. Zum 70. Jahrestag des Siegestages ist sie so groß und pompös wie noch nie seit dem Zerfall der Sowjetunion. Zum Auftakt erinnert Präsident Wladimir Putin an den "grandiosen Sieg" der Roten Armee über den Nationalsozialismus. "Sowjetische Soldaten haben die Europäer befreit", sagt er und würdigt auch die Rolle der westlichen Alliierten. Putin kritisiert zugleich jedoch Versuche, eine unipolare Welt zu schaffen – eine Botschaft an die USA. Nötig sei stattdessen ein System, das gleiche Sicherheit für alle Staaten garantiere. "Nur dann werden wir Frieden und Ruhe auf dem Planeten gewährleisten", so Putin.



Dann marschieren Fahnenträger über Moskaus zentralen Platz, sie tragen das "Siegesbanner", die 1945 auf dem Berliner Reichstag gehisste Flagge der Roten Armee. Es folgen fast 16.000 Soldaten, zuerst in historischen Uniformen aus der Kriegszeit, Kosaken und Matrosen, dann heutige Einheiten. Zu Katjuscha und anderen Marschliedern schreiten sie an der Ehrentribüne entlang. Nach ihnen rattern schwere Militärmaschinen über das Kopfsteinpflaster am Kreml in Richtung der weltberühmten Basilius-Kathedrale mit ihren bunt-verspielten Zwiebeltürmen. Zum Ende donnern 150 Kampfjets und Hubschrauber über den Roten Platz hinweg.



Gedenken und Inszenierung

Es ist ein Gedenken an die siegreichen Rotarmisten, an die Veteranen und an die vielen Opfer der Sowjetunion. 27 Millionen Menschen verloren ihr Leben im Großen Vaterländischen Krieg, wie die Russen den Kampf gegen die Faschisten nennen. In diesem Jahr ist die Parade allerdings mehr denn je auch eine Leistungsschau des russischen Militärs. Und der Versuch, sich wieder als Großmacht zu inszenieren.



Unter den 200 Fahrzeugen, die Moskau an diesem Morgen auffährt, sind auch die neuesten Entwicklungen der Rüstungsindustrie, die wie die Armee selbst seit Jahren in einer großen Reform steckt. Zu den Neuheiten zählt der gepanzerte Mannschaftstransporter Bumerang, der Schützenpanzer Kurganets-25, und die Haubitze Koalitsiya-SV. Auch eine aufgerüstete Version des weltberühmten Sturmgewehrs aus der Waffenschmiede Kalaschnikow ist zu sehen. Doch die größte Aufmerksamkeit gilt dem Panzer Armata T-14, dem neuen Stolz der Armee. Auf seiner Plattform sollen bald alle Kettenfahrzeuge aufbauen, sogar unbemannten Panzern der Zukunft könnte das Gefährt als Basis dienen.