Seit genau einem Jahr ist Indiens Premierminister im Amt – und viele Erlebnisse aus seiner Amtszeit hat er öffentlich gemacht. "Schon ein Jahr!", überschrieb Narendra Modi ein Video, in dem er sich zum Jubiläum an die indischen Bürger wandte. Zwölf Monate, in denen die Regierungsarbeit transparenter geworden sei, das Land schnelle Reformen hinter sich gebracht habe – so bewertet er es selbst. Seinen Landsleuten schrieb er anlässlich des Jahrestages einen persönlichen Brief und ermunterte seine Leser, "gemeinsam das Indien unserer Träume" zu erschaffen.

Vor wenigen Tagen hat er Afghanistans Präsident Aschraf Ghani in Neu-Delhi empfangen, er hat die Überlebenden der ersten indischen Mount-Everest-Expedition getroffen. Er hat Südkorea besucht, davor war er in der Mongolei zu Gast.

All das steht nicht nur im Terminkalender des Premiers, es ist auch in Echtzeit nachzuerleben auf Twitter und Facebook, wo dem 64-Jährigen fast 40 Millionen Nutzeraccounts folgen, 28 Millionen davon auf Facebook. Damit dürfte Modi der Politiker mit den zweitmeisten Followern sein, nur Barack Obama hat mit knapp 60 Millionen mehr als der Regierungschef der weltgrößten Demokratie Indien – bei jeweils etwa 280 Millionen Internetnutzern.

Zum Vergleich: Dem türkischen Premier Recep Tayyip Erdoğan folgen sechs Millionen Twitterer, ebenso viele wie dem englischsprachigen Account des Papstes. Mit dem Präsidenten des bevölkerungsreichen China, Xi Jinping, lässt sich Modi nicht vergleichen, denn Twitter ist in China gesperrt. Und beim chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo hat Xi keinen Account – wohl aber Modi.

Der Sozialnetzwerker Modi lässt kaum ein Tagesereignis der indischen Politik unkommentiert. In reichhaltigen Bilderstrecken können die Twitter-Follower teilhaben an seiner Arbeit. Wo sich andere Politiker auf Fotos von Sitzungen zeigen oder in Flaggen gerahmt beim Handschlag präsentieren, bietet Modi mehr: Im Hintergrund der Fotos erheben sich die Kräne der Schiffswerft von Hyundai, er posiert mit Folklorekünstlern und Kindertanzgruppen in Seoul, auch die Kranzniederlegung am Kriegsmahnmal fehlt nicht. Das Video einer Zeremonie in der Mongolei postete er vor allem deshalb, weil sie einem indischen Brauch ähnlich sei, wie er dazu schrieb. Einen ähnlichen Informationsmix präsentiert er auf seiner Facebook-Seite – meist in Englisch, teils in Hindi.

Auch in eigener Sache ist Modi aktiv: Am Tag seines Dienstjubiläums twitterte er Fotos, wie Gratulanten ihm Blumen überreichen, darunter der Vizepräsident. Er habe viele Glückwünsche erhalten, könne nicht alle beantworten und sei tief bewegt, schrieb er in mehreren Tweets.

Auch wenn Fotos ihn beim Gebrauch des Smartphones zeigen und Modi zu den internetaffinen Menschen zählt, macht er das nicht alles selbst. Ein 20 Mitarbeiter großes Team kümmert sich um den Netzwerk-Auftritt des Premiers. Es analysiert die Trends bei Facebook und Twitter und arbeitet die offiziellen Mitteilungen zu Social-Media-gerechten Informationshappen auf, wie das Wall Street Journal (WSJ) berichtet. Eine große Gemeinschaft der "Online-Freiwilligen" kommentiere, teile und retweete die Postings, sodass sich Modis Botschaften immer stärker verbreiten.

Das wirkt sich auch auf den Erfolg seiner Politik aus. Einige Kritiker konnte er mit seinen Onlinekampagnen besänftigen. So etwa, als es um seine Politik zur Akquise von Grundstücken für Industrie und Infrastrukturvorhaben ging. Es sei harte Arbeit gewesen, Modis Ruf in dieser Hinsicht zu verbessern, zitiert das WSJ Arvind Gupta, Chef des Digital-Zentrums von Modis Partei BJP. Besonders von den Farmern habe es viel Widerstand gegeben. Zu Beginn sei die Onlinekampagne nach hinten losgegangen, "aber wir haben sie korrigiert", sagt Gupta.

Ein Schwerpunkt Modis ist die Außenpolitik. Nicht nur die Bilder aus Südkorea oder der Mongolei zeigen das. Am Jahrestag seiner Amtsübernahme empfing er neben vielen Gratulanten auch Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Ihr Besuch dient der Vorbereitung der deutsch-indischen Regierungskonsultationen. Auf der Themenliste standen aber auch die militärische Zusammenarbeit und Rüstungskooperationen. Indien ist der größte Rüstungsimporteur der Welt.

Eng ist auch der Kontakt zu Japan. Als Modi Premier Shinzo Abe zum Wahlsieg gratulierte, dankte der prompt und sicherte weitere gute Partnerschaft zu. Große Nähe und ein unkomplizierter Umgang miteinander zeigt auch ein Bild von Modis Besuch in China. "It's selfie-time", textete Modi launig, bevor er auf "Tweet" drückte.