Unkontrollierbar von einer Seite zur anderen schaukelte das Kleinkind und heulte sich die Augen aus dem Kopf, als Rupa Joshi den Raum betrat. Es war Samstagmittag vor zwei Wochen in Kathmandu und es schüttelte so heftig, dass weder Großmutter noch Enkelkind vom Boden aufstehen konnten. Kurz darauf kam die Mutter. Durch Dunkelheit und Erschütterungen hatte sie sich von der Terrasse durchgekämpft und ließ sich vom Weinen ihrer Tochter leiten. Ein anderer Überlebender, Bhaskar Karki, spricht von einem Erdbeben so stark wie es nur sein Großvater vor Jahrzehnten erlebt hat: "links und rechts, links und rechts. Ununterbrochen". Als er aus dem Haus im Kathmandutal mit Ehefrau und Kind rannte, stürzten Bauteile aus Holz hinter ihnen zusammen.

So heftig war es in Nepal am 25. April, als die Erde bebte und sich viele Szenen wie diese ereigneten. Das UN-Büro für Katastrophenhilfe zieht nun die Bilanz der Verluste: Insgesamt 30 von 75 Distrikten sind betroffen, am schlimmsten ist es in Gorkha, Sindhupalchok, im Kathmandutal und Dhading. Ein Drittel der Bevölkerung braucht humanitäre Hilfe. Mehr als eine halbe Million Häuser wurden zerstört oder geräumt, fast 8.000 Menschen sind ums Leben gekommen, doppelt so viele sind verletzt.

Und immer wenn die Opfer-Daten aktualisiert werden, stellen die nepalesischen Behörden fest, dass das Ausmaß des Schadens größer ist als gedacht. Die Regierung koordiniert die Anlieferung der Hilfsgüter, die aus 16 Ländern nach Nepal kommen. Am Wichtigsten sind provisorische Unterkunftsmöglichkeiten, Nahrungsmittel und sauberes Wasser. Zu den größten Spendern zählen Großbritannien, die USA und China.

 Die Dörfer brauchen Unterstützung

Die Versorgung der Städte sei gesichert, dort seien Hilfsgüter relativ schnell hingekommen, sagt Albert Grosse-Hokamp von der Organisation Caritas. Manche Gemeinden in den Bergen seien aber weitflächig zerstört. "Es ist nicht bekannt, wie viele Dörfer zusammengefallen sind, weil noch keiner da war", setzt er  fort. Kathmandu sei auch leerer geworden. Der Grund: Viele Menschen seien geflohen, da ihre Familien in den Dörfern Hilfe brauchen.

Mit der Zeit haben die täglichen Nachbeben an Intensität verloren. Die Angst aber nicht. Spricht man mit den Kindern, so merke man, dass sie sich immer noch fürchten, Gebäude zu betreten, sagt Rupa Joshi von Unicef. Wenn man die Kinder fragt, ob sie zu ihren Häusern gehen wollen, schütteln sie den Kopf und sagen: Nein. "Das kann ich spüren, und nicht nur bei Kindern oder jungen Leuten", sagt sie.

Erschrocken waren die Leute nicht nur von der ersten Erschütterung, sondern auch von den sehr heftigen Nachbeben in den ersten 24 Stunden danach. So wie die meisten trauten Bhaskar Karki und seine Familienmitglieder sich nicht, ihr Haus zu betreten. Immer, wenn sie Geräusche hörten, dachten sie an ein neues Erdbeben. "Niemand hatte den Mut, drinnen zu bleiben. Wir gingen schnell rein, holten uns die wichtigsten Sachen und gingen dann schnell wieder raus. Wir dachten, das Haus wird einstürzen", erzählt Karki. Die ersten drei, vier Nächte haben sie draußen unter dem freien Himmel verbracht.

Klassenzimmer sollten in Kürze vorhanden sein

In zwölf Distrikten, die stark vom Erdbeben betroffen sind, haben die Kinder nun Ferien bis Mitte Mai. Laut den Informationen, die Unicef aus den Dörfern sammelt, sind 80 bis 90 Prozent der Schuldgebäude in Trümmer zerfallen. Das sind ungefähr 23.000 zerstörte oder beschädigte Klassenzimmer. Jetzt müsse man provisorische Lernzentren einrichten. Die Bildungspartner arbeiten zusammen, damit diese entstehen. Zusammengebaut werden sie mit Bambusröhren oder anderen Baumaterialien, die zur Verfügung stehen. "Die Kinder müssen zurück in die Schule gehen. Je schneller das passiert, desto schneller vergessen sie das Trauma und kommen wieder auf die Beine", sagt Joshi.

Sudarshan Shrestha von der NGO Save the children zählt bisher vier solcher Zentren, in den nächsten zwei Monaten sollten noch 150 entstehen. "Sie werden nicht perfekt sein, aber so kann Bildung weitergehen. Wir sind nicht die einzigen Mitwirkenden", sagt er. Geplant sind auch 100 kinderfreundliche Räume in den nächsten 45 Tagen. Bisher sind sechs davon vorhanden. Auf diese Weise können die Kleinen an einem sicheren Ort spielen und lernen, während ihre Eltern versuchen, den Schaden zu reparieren.

Dringender als Ernährungsmittel: Zelte

Während dieser Zeit des Aufbaus leben die Leute, wie sie können: Manche teilen sich eine Wohnfläche, anderen wohnen in Zelten, Scheunen oder in Zeltplanen. Ein Drittel der Nepalesen hatte in den ersten zwei Wochen nach dem Beben um Baustoffe gebeten. Das Verhältnis zwischen Nachfrage und Versorgung schätzt Joshi inzwischen besser ein, als vor einer Woche, auch wenn der Bedarf wesentlich höher als die Versorgung ist.

Doch neben dem Wiederaufbau droht eine andere Gefahr: Der Monsun wird in vier bis sechs Wochen erwartet. "Im Moment ist der Monsun das Wichtigste, er stellt eine riesige Herausforderung dar. Normalerweise beginnt er Mitte Juni und man muss alles tun, damit die Menschen bis dahin in Sicherheit gebracht werden. Die Leute fangen schon an, diese Häuser aufzubauen, das habe ich selber gesehen", sagt Grosse-Hokamp. Benutzt werden Tonsteine und Lehm. "Das ist nichts Langfristiges, aber man hat wenigstens ein Dach über dem Kopf."