Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat die syrische Stadt Palmyra nach heftigen Kämpfen vollständig eingenommen. Die Armee habe sich zurückgezogen und der IS habe die Kontrolle in der historischen Oasenstadt übernommen, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Abo Muaz, ein Aktivist aus Palmyra, bestätigte dem arabischen Nachrichtensender Al-Jazeera die Eroberung.

Regierungstreue syrische Kämpfer begannen beim Einrücken von Kämpfern der Extremistenmiliz mit der Evakuierung Palmyras. "Eine große Zahl an Familien flieht momentan aus verschiedenen Bezirken Palmyras. Die Kampfflugzeuge der Regierung bombardieren immer noch die Stadt", sagte Muaz dem Sender Al-Jazeera. Das staatliche Fernsehen berichtete von schweren Kämpfen zwischen IS-Mitgliedern und den Milizen. Auf beiden Seiten seien viele Kämpfer getötet worden.

Palmyras gut erhaltene Ruinen aus den ersten Jahrhunderten nach Christus gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Die einstige Handelsmetropole gilt als einer der bedeutendsten Komplexe antiker Bauten im Nahen Osten. Es wird befürchtet, dass die Dschihadisten die Kulturstätte zerstören.

Im Nordirak hatten IS-Anhänger bereits im Frühjahr einmalige Kulturstätten zerstört, darunter die Ruinen der jahrtausendealten Stadt Nimrud und die Grabungsstätte Ninive. Im Museum von Mossul zertrümmerten sie wertvolle Statuen aus assyrischer Zeit. Hunderte der Statuen und antiken Artefakte waren bereits von Palmyras Museum abtransportiert wurden, wie der Chef der syrischen Altertümerverwaltung, Maamun Abdulkarim, mitteilte. 

Nach dem Vormarsch in Palmyra kontrolliere der IS nun rund 40 Prozent der Fläche Syriens, sagte der Leiter der Menschenrechtsbeobachter, Rami Abel Rahman. Die Extremisten hätten zudem fast alle Ölfelder des Landes eingenommen. Die Islamisten finanzieren sich zu einem großen Teil aus dem Ölschmuggel.

Unesco fordert Hilfe der internationalen Gemeinschaft

Falls Palmyra vom IS zerstört werden sollte, wäre dies ein unersetzlicher Verlust für die Menschheitsgeschichte und auch für das syrische Volk, sagte der Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin, Markus Hilgert. Schließlich sei die Oasenstadt nicht nur Identitätsort für die Bevölkerung, sondern auch ein zentrales touristisches Ziel in dem Land – sollten Reisen wieder möglich werden.

Die Unesco forderte einen sofortigen Stopp der Kämpfe. Die internationale Gemeinschaft müsse alles tun, um die Einwohner und das einzigartige kulturelle Erbe Palmyras zu schützen, teilte die Kulturorganisation der Vereinten Nationen mit. Die Kämpfe brächten eine der wichtigsten Weltkulturerbestätten im Nahen Osten in Gefahr.