Ein knapper, aber unerwarteter erster Platz für Andrzej Duda, den Kandidaten der national-konservativen Oppositionspartei PiS, gerade mal ein Drittel der Stimmen für den Amtsinhaber Bronisław Komorowski und ein starkes Votum für die Vertreter des fundamentalen Protestes – dies sind die wichtigsten Ergebnisse der ersten Runde der polnischen Präsidentschaftswahlen am vergangenen Wochenende. Dieses Ergebnis erstaunte die meisten Beobachter, hatten die Meinungsumfragen doch einen deutlichen Vorsprung für Komorowski vorausgesagt. Dennoch lassen sich die Ursachen leicht herausarbeiten.

Komorowski fehlte Leidenschaft

Bronisław Komorowski konnte durch einen Wahlkampf, in dem er vor allem als Staatsmann und Stabilitätsgarant auftrat, nicht ausreichend punkten. Sein zentrales Thema, Sicherheit in unruhigen Zeiten, verfing nicht oder wandte sich sogar gegen ihn. So verkündete Komorowski vor zwei Wochen höchstpersönlich eine wichtige rüstungspolitische Regierungsentscheidung, nämlich den Kauf von US-amerikanischen Patriot-Raketen und Mehrzweckhubschraubern der Airbus Helicopter-Gruppe. Doch für viele Wähler stand offenkundig nicht der damit verbundene sicherheitspolitische Zugewinn im Vordergrund. Sie folgten der Opposition, die monierte, man habe sich im Falle der Hubschrauber für einen Anbieter entschieden, der kaum wirtschaftliche Vorteile für Polen bringe. Die Regierung finanziere Arbeitsplätze in Frankreich statt in der heimischen Rüstungsindustrie.

Insgesamt mangelte es Komorowski an Schwung im Wahlkampf. Er erschien eher als solider, aber konturloser Verwalter von Erfolgen denn als passionierter Politiker mit einer überzeugenden Vision für Polen. Als Kandidat der größten Regierungspartei, der liberal-konservativen Bürgerplattform PO, repräsentiert Komorowski Inhalt und Stil dieser Partei: proeuropäisch und professionell, aber auch profillos. Während er in den letzten Wochen beharrlich Einheit und Zusammenwirken betonte, eröffnete er jedoch faktisch einen Lagerwahlkampf. So stellte er die Wahlen als Auseinandersetzung zwischen einem "rationalen" und einem "radikalen Polen" dar. Mit dem "radikalen Polen" meint er das Milieu, für das Andrzej Duda antritt: die PiS, ihr Parteichef und Ex-Premier Jarosław Kaczyński, katholisch-traditionalistische Strömungen und generell all diejenigen, die eine grundsätzliche Korrektur des pragmatischen Kurses der Bürgerplattform fordern. Mit dieser Frontstellung fixierte sich Komorowski zu stark auf die alten Säulen seiner Anhängerschaft, nämlich die erfolgreichen urbanen Mittelschichten oder das "satte und selbstzufriedene Polen" (so der Ex-PO-Politiker Jarosław Gowin).

Gegen dieses eher elitäre Polen formierte sich breiter Widerspruch. Da ist die PiS, die einen konfrontativen Kurs gegenüber der Regierung steuert und das gesamte politische System, das in Polen seit 1989 entstand, infrage stellt. Dass sie dennoch nicht besser abschnitt, ist darauf zurückzuführen, dass sie selbst von Teilen der oppositionellen Wählerschaft dem Machtkartell zugerechnet wird; schließlich trug sie einst längere Zeit Regierungsverantwortung. Dieses Handicap ist dafür verantwortlich, dass Duda das Ergebnis des PiS-Parteichefs Jarosław Kaczyński aus dem Jahr 2010 letztlich nicht übertreffen konnte. Die sozialdemokratische Linksallianz SLD, deren farblose Kandidatin nur gut zwei Prozent der Stimmen erhielt, hat mit exakt denselben Schwierigkeiten zu kämpfen.

Politikverdrossene wählen die "neuen Unkonventionellen"

Von Verdrossenheit und Frustration profitiert hat zuvorderst der ehemalige Rocksänger Paweł Kukiz, der auf Anhieb ein Fünftel der Stimmen auf sich vereinen konnte. Kukiz, der in den vergangenen Jahren vereinzelt auch Initiativen aus nationalistischen Kreisen unterstützte, konnte vor allem deswegen reüssieren, weil er gegen korrupte "Klans" und alle bisherigen Eliten wetterte. Hinter seinem Erfolg steht vor allem sein Anti-Parteien-Appell.