Wie ein Indianer hatte sich Abduljaleel Alarbash eine Feder ins Haar gesteckt – für ein Selfie in den Bergen von Kansas. Lachend schaute der 22-jährige Saudi in die Kamera, der seit zwei Semestern an der US-Universität in Wichita studierte. Mitte Mai reiste er für einige Tage zurück in seine Heimat Saudi-Arabien. Am Freitag riss ihn in Dammam ein Selbstmordattentäter mit in den Tod.

Tausende Menschen kamen zur Beerdigung des jungen Studenten, die zu einer schweigenden Protestdemonstration der schiitischen Volksgruppe gegen das saudische Königshaus wurde. Zwölf Prozent der Bevölkerung sind Schiiten, das entspricht etwa 2,7 Millionen Menschen. In ihren Siedlungsgebieten im Osten liegen alle wichtigen Ölanlagen.

Trotzdem werden Schiiten seit Generationen von Riad wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Sie haben keinen Zugang zu hohen politischen Ämtern, wenig gut bezahlte Jobs und kaum Aufstiegschancen. Sie leiden unter viel zu geringen staatlichen Investitionen in Wohnungsbau, Schulen, Universitäten und Wirtschaft. Seit dem saudischen Luftkrieg im Jemen aber hat sich ihre Lage noch einmal zugespitzt. Sunnitische Kleriker rufen zum Heiligen Krieg gegen die schiitischen Huthis im Nachbarland auf. Gleichzeitig bedrohen sie in ihren Hasspredigten auch die eigene Minderheit und prangern sie offen als fünfte Kolonne des Iran an.

Der getötete Abduljaleel Alarbash dagegen gilt unter seinen Mitgläubigen als Held. Ohne sein Lebensopfer hätte es am Freitag in der Imam-Hussein-Moschee von Dammam eine ähnlich schreckliche Tragödie gegeben wie eine Woche zuvor in Qatif, bei der 21 Betende zerfetzt und mehr als 120 verletzt wurden – das schwerste Attentat auf Schiiten in der Geschichte des Königreiches.

"Arabische Halbinsel von diesem Dreck reinigen"

Diesmal kam der Terrorist voll verschleiert und als Frau verkleidet. Der Student vor der Moscheetür wurde misstrauisch, weil das Frauengebet für diesen Tag aus Sicherheitsgründen abgesagt worden war. Als er den Verdächtigen zur Rede stellen wollte, zündete der seine Ladung. Wenige Stunden später übernahm der "Islamische Staat" auch für dieses zweite Attentat im Osten Saudi-Arabiens innerhalb von acht Tagen die Verantwortung. "Es ist unsere Pflicht, Schiiten zu töten und die Arabische Halbinsel von diesem Dreck zu reinigen", hieß es in der Audiobotschaft, die weitere Attentate in der Heimat des Propheten Mohammed ankündigte.

Mit dieser neuen Terrorserie verknüpfen sich auf saudischem Boden erstmals nun die üblichen Hasspredigten gegen Schiiten mit der mörderischen IS-Ideologie. Ausgelöst durch die maßlose Hetze gegen die Huthis im Jemen könnten künftig weitere junge Saudis, die mit dem "Islamischen Kalifat" sympathisieren, zu Terrortaten gegen die eigenen schiitischen Landsleute angestachelt werden. Und so konfrontierten empörte Schiiten in der vergangenen Woche den saudischen Kronprinzen und Innenminister Mohamed bin Nayef bei dessen Besuch am Attentatsort mit ungewöhnlich harter Kritik. "Wenn Sie nicht Ihren Teil zur Beendigung der Hetze beitragen, sind Sie schweigender Komplize dieser Verbrechen", erklärte ein junger Mann und forderte, alle Zeitungen, die Hass auf Schiiten schürten, müssten geschlossen werden.

Innerhalb von Stunden hatten mehr als 800.000 Menschen das YouTube-Video von seinem mutigen Auftritt angeklickt. Die Täter seien getrieben von einer kranken Ideologie, die von selbst ernannten Klerikern und ungebildeten Eiferern verbreitet würde, sekundierte der Publizist Khaled Al-Maeena aus Dscheddah. "Wir aber haben viel zu lange den Mund gehalten und schweigend zugeschaut, wie diese Imame ihren Hass und ihre Unwahrheiten über Muslime anderer Konfessionen um sich gespuckt haben."