Ein Bild hing in den vergangenen Tagen und Wochen überall in Istanbul, in U-Bahnen und Bussen, auf Plakatwänden und extra aufgespannten Transparenten. Sultan Mehmed II. sitzt hoch auf seinem weißen Pferd, auf dem Kopf den Turban und am Gürtel den reich verzierten Krummsäbel. Hinter ihm sind seine osmanischen Reiter zu sehen, vor ihm das Wasser des Bosporus und die feindlichen Schiffe. Mehmed ist ganz nach vorn gebeugt, er hat den Arm ausgestreckt und den Zeigefinger, sein ganzer Körper ist eine Weisung: Auf, zur Eroberung Konstantinopels!

Am 29. Mai 1453 nahm der Sultan die Stadt ein, es war das Ende des byzantinischen Reiches. 562 Jahre und einen Tag später hat Recep Tayyip Erdoğan, der Präsident der Türkei, sein Volk eingeladen, die Eroberungen zu feiern. Jene von damals, die von heute, und die, die da noch kommen sollen.

Zehntausende strömen nun an diesem Samstag die Straße am Ufer des Bosporus entlang. Zwei junge Männer sind auf dem Mittelstreifen auf eine Absperrung geklettert, sie halten ein Transparent hoch, darauf steht: "Sei ein Eroberer! Wir sind bereit, die Soldaten des Präsidenten zu sein." Ein paar Meter weiter verkaufen sie goldene Bänder mit dem Namen Erdoğans, die Käufer binden sich diese dann um die Stirn. Es gibt Erdoğan-Kaffeetassen, Erdoğan-T-Shirts, es gibt kleine Jungs in osmanischen Kostümen und große Jungs in Kaftan, Turban und Vollbart.

Alles kommt zusammen an diesem Maiabend in Istanbul. Der wiedererweckte Stolz auf die osmanische Vergangenheit, von dessen imperialer Größe etwas abstrahlen soll auf die heutige Türkei und ihre Machthaber. Das muslimisch-religiöse Sendungsbewusstsein genau dieser Machthaber, die ständig Koranverse zitieren auf den Bühnen und Gegner als Ungläubige verteufeln. Und als dritte, pikanteste Zutat: Der aktuelle Wahlkampfendspurt.

Am 7. Juni wählt die Türkei ein neues Parlament, es geht dabei um sehr viel und es ist sehr knapp. Erdoğan will die Verfassung ändern und seine Macht ausbauen, eventuell könnte seine Partei aber sogar die Regierungsmehrheit verlieren, erstmals seit 12 Jahren.

Erdoğan, der als Präsident zur Überparteilichkeit verpflichtet ist, darf laut Verfassung eigentlich keinen Wahlkampf machen für seine Partei AKP. Weil Erdoğan sich aber mehr für seine Macht interessiert als für Gesetze, tourt er natürlich trotzdem durchs Land, eröffnet Schulen und Flughäfen und lobt dabei die Politik der Regierung, die ja die seine ist. Diese Veranstaltungen laufen nicht unter AKP-Logo, das war's aber auch. Es sieht aus wie Wahlkampf, es hört sich an wie Wahlkampf, es ist Wahlkampf.

Kampfjets fliegen in Formation

Bei der "Eroberungsfeier" auf einem riesigen Gelände direkt am Bosporus ist jetzt schon alles voller Flaggen. Sie werden aus großen Säcken, die zu Bergen aufgeschichtet sind, kostenlos verteilt. Bald sind mehr Flaggen zu sehen als Menschen. Die Menge singt die Nationalhymne, dann beginnt die Show, oben am Himmel. Kampfjets der türkischen Armee fliegen waghalsige Manöver, mal in Formation, mal allein. An den Himmel malen sie mit ihrem Schweif rot-weiße Muster, die Farben der Nation.

Dann kommt Ahmet Davutoğlu auf die Bühne. Er ist der Ministerpräsident und eigentlich der mächtigste Mann im Land, aber die meisten nehmen ihn trotzdem nicht für voll, sehen ihn nur als Assistenten Erdoğans, der ihr "großer Meister" ist.

Davutoğlu zieht eine direkte Parallele zwischen dem glorreichen Sultan von damals und der Türkei von heute, überbrückt rhetorisch 562 Jahre. "Sie haben damals gesagt, Mehmed II. könne Konstantinopel niemals erobern, aber er hat es geschafft. Heute sagen sie, die Türkei könne niemals eine Weltmacht sein. Wir werden ihnen unsere Geschichte schon noch beibringen, seid ihr dabei?" Die Menge jubelt. "Wir wollen unsere Flagge überallhin auf der ganzen Welt bringen, seid ihr dabei?" Ja!, rufen Zehntausende im Chor. Dann der direkte Angriff auf die politischen Gegner: "Sie stellen uns Fallen, um uns am 7. Juni zu stürzen, werden wir das zulassen? Wir sind unterwegs zu neuen Eroberungen, werden wir uns von denen aufhalten lassen?"

So funktioniert der Neo-Osmanismus im Wahlkampf: Wer nicht AKP wählt, versündigt sich an den großen Sultanen, gefährdet den bis heute andauernden, großen türkischen Eroberungszug.