ZEIT ONLINE: Sie sind 2007 in die AKP eingetreten, waren jahrelang einer der wichtigsten Außenpolitiker und saßen auch im Parteivorstand. 2013 sind Sie im Streit ausgetreten. Was ist passiert?

Suat Kınıklıoğlu: 2007 war die AKP eine andere Partei als heute. Abdullah Gül, der spätere Präsident, war damals noch eines der Machzentren. Er war es auch, der mich in die Politik gebracht. Zu der Zeit gab es viele liberale Quereinsteiger in der AKP. Die Partei hat in alle Richtungen Signale gegeben, dass sie in die Mitte rücken wollte. Sie hat prominente Politiker der CHP (die größte, republikanische Oppositionspartei) wie Ertuğrul Günay für sich gewonnen, 10 bis 15 Personen, die bekannt für ihre sozialdemokratischen oder zentralistischen Positionen waren und keinen islamistischen Hintergrund hatten. Damals war ich so optimistisch, dass ich schrieb: Wenn der Partei erlaubt wird, sich zu entwickeln, könnte sie eine stabile Mitte-rechts-Partei werden wie die CDU in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Nun wird die AKP-Regierung und insbesondere Recep Tayyip Erdoğan, immer autoritärer und entfernt sich von europäischen Standards. Wie konnten Sie sich so irren?

Kınıklıoğlu: Im Rückblick muss ich sagen: Erdoğan war damals bemerkenswert gut darin, geduldig zu sein und seine wahre DNA nicht zu zeigen. Er hat um uns geworben in einer Zeit in der er Legitimität gewinnen musste, nach innen und nach außen. 2010 war damit Schluss. Da gewann er ein Referendum über eine Verfassungsänderung und konnte deshalb das Justizsystem umbauen. Das war sein Sieg über die alten Machthaber und das Ende seiner kompromissbereiten, offenen Führung.

2011 wollte ich erneut auf die Kandidatenliste für die Parlamentswahl, doch zu meiner Überraschung und zu der vieler anderer schafften ich und viele andere es nicht. Es wurde dann klar, dass all jene Kandidaten der Mitte, die andere Sprachen konnten, aufgeschlossen und liberal waren, rausgeschmissen worden waren. Und dafür rückten solche nach, die jünger, islamistischer und vor allem loyaler zu Erdoğan waren. Menschen, die keine Fragen stellen. 2012 wurden ich und 20 andere auch aus dem 50 Mitglieder starken Vorstand der AKP geschmissen. Gül war Präsident und Erdoğan hatte damit kein Gegengewicht in der Partei mehr. Er wurde immer autoritärer.

ZEIT ONLINE:
Sie haben gerade gesagt, Erdoğan habe vorher seine "echte DNA" versteckt. Was meinen Sie damit? War sein Reformwille nur Maskerade?

Kınıklıoğlu: Ich würde es nicht Maskerade nennen, sondern eine Notwendigkeit der damaligen Zeit. Sie müssen verstehen, die AKP war ein Außenseiter. Ihre Vorgängerparteien waren verboten worden, und selbst als sie die zweite Wahl gewann, 2007, sah ein großer Teil der Bevölkerung und vor allem die politische Elite die AKP noch nicht als legitime Partei an, sondern fand sie sehr verdächtig. Das endete erst 2010. Natürlich haben auch die Korruptionsskandale und die Gezi-Proteste dazu beigetragen, dass Erdoğan autoritärer wurde. Es gab sicher nicht nur einen Grund. Wir kennen das Phänomen ja auch von anderen Politikern, die lange regieren. Sie alle haben sehr gut begonnen und viel geleistet, dann haben sie sich immer mehr abgeschottet, sich nur noch mit einem sehr kleinen Zirkel Vertrauter umgeben und den Kontakt zur Realität verloren …

ZEIT ONLINE: Das erinnert an Putin, oder?

Kınıklıoğlu: Ja, genau! Was wir hier bei Erdoğan sehen, ist kein türkischer Spezialfall. Putin, Erdoğan, auch Victor Orbán in Ungarn: Es geht da nicht nur um innenpolitische Machtspiele, sondern um eine aufrichtige Verachtung für liberale, demokratische Werte. Ein echter Abbau einer demokratischen, politischen Ordnung, auch von Grundwerten wie Pressefreiheit, Meinungsfreiheit.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie die Gefahr, dass sich diese Kräfte international zusammentun? Orbán, Putin, Erdoğan, das autoritäre Dreigespann?

Kınıklıoğlu: Sie treffen sich ja schon jetzt oft, sie sympathisieren miteinander, und wenn sie gemeinsam auftreten, senden sie ein eindeutiges Signal: Wir sind eine Alternative zu dem, was diese Westler uns versuchen aufzuzwingen.

Erdoğan hat großen Respekt für Putin, für dessen eiserne Hand. Ich weiß noch aus meiner Zeit in der AKP, dass viele dort diese Art Führung durch einen einzelnen, starken Mann sehr mögen: "Du bist mein Kumpel, wir senken den Gaspreis, wenn du Probleme hast, mach dir keine Sorgen, ich sorge dafür, dass du genug Gas bekommst." Sie eint die Art, Politik nicht institutionell zu machen, also zwischen Staaten, sondern über persönliche Kontakte. Bei Erdoğan kann man das übrigens auch am Beispiel Syrien sehen. Sein Fehler war, die eigene Politik dann nicht anzupassen, als klar war, dass Assad so bald nicht stürzen würde und die internationale Gemeinschaft nicht eingreifen würde in Syrien. Erdoğan ist einfach stur bei seiner Haltung geblieben, die türkische Außenpolitik hat deshalb jetzt viele Probleme.

ZEIT ONLINE:
Haben Russland und die Türkei denn wirklich gemeinsame Interessen? Im Syrienkrieg zum Beispiel stehen sie ja auf entgegengesetzten Seiten.