Stellen Sie sich vor, Horst Seehofer oder Sigmar Gabriel, denen man beiden nachsagt, sie würden hin und wieder einer etwas populistischen Neigung nachgeben, würden während einer Rede bei einer Wahlkampfveranstaltung eine Bibel zücken und den politischen Gegner als Hallodri in Religionsdingen hinstellen (Seehofer wird anscheinend langsam amtsmüde in dieser Hinsicht, aber Gabriel dreht gerade doch etwas auf, greift die Kanzlerin in der NSA-Affäre an, setzt sich in Alltagsklamotten total privat in einen Pegida-Stuhlkreis ...). 

Das kann man sich natürlich nur schwer vorstellen. In der Türkei dagegen hat es ein Koran kürzlich tatsächlich auf die Bühne eines sogenannten Mitings geschafft. Es ist Wahlkampfzeit, am 7. Juni wählt das Land ein neues Parlament, und Mitings gehören zur politischen Kultur des Landes wie Fähren auf den Bosporus. Ein Miting ist eine Veranstaltung, bei der Politiker auf einer Bühne stehen und zum Volk sprechen. Besser gesagt: dem Volk einheizen. Noch besser gesagt: dem Volk einheizen, indem sie über den politischen Gegner herziehen, der übrigens oft gar nicht beim Namen genannt wird (es heißt dann häufig nur "diese" oder "jene"). Das ist so eine Art Er-hat-gesagt-Ich-hab-gesagt-Nummer, auf einen verbalen Angriff folgt flugs der Gegenangriff, türkische Medien sprechen dann von einer "Jet-Antwort" auf Vorwurf XY. Das Gelästere nimmt oft den Hauptteil der Rede ein, je wichtiger der Politiker, desto populistischer. Und unterhaltsamer. Die Politiker wollen das so. Und viele Türken auch. In einem Land, das so viele Probleme hat wie die Türkei, hat man Sachfragen irgendwann auch einfach satt. Mit dem Kartoffelpreis, der in den vergangenen vier Monaten um 80 Prozent gestiegen ist, kann man sich auch die restliche Zeit wieder beschäftigen. Mitingtime ist Partytime!

Und wer sonst, außer dem wohl talentiertesten zeitgenössischen Volkstribunen Recep Tayyip Erdoğan, der regelmäßig Zehntausende Anhänger anzieht, könnte auf die Idee kommen, die Heilige Schrift im Wahlkampf einzusetzen? Es war so: Der türkische Staatspräsident, der eigentlich laut Verfassung allen Parteien und Parteipolitik fernbleiben soll (Beschwerden dagegen haben noch nicht so richtig gefruchtet), hatte vor einigen Tagen ein Miting in Siirt, der Heimatstadt seiner First Lady Emine. Heimspiel also. Erdoğan setzte an: Kemal Kılıçdaroğlu, Chef der oppositionellen kemalistischen CHP-Partei, hätte gesagt, er, Erdoğan, würde die Religion im Wahlkampf benutzen. Seine Antwort, betont lässig, im Hemd auf der Bühne: "Ich bin mit dem Koran aufgewachsen. Ich lebe nach dem Koran. Man sieht ja, welchen Stellenwert der Koran bei dir hat!" Während er diese Worte sagt, zückt er ein Exemplar des Buchs hervor, hält ihn in die Höhe, die Menge buht Kılıçdaroğlu aus. Die Menge buht im Beisein eines Korans. Geht eigentlich gar nicht.

Das Volk bekommt, was es will

Haben Sie aufgepasst? Das eigentlich Geniale an dieser kleinen Begebenheit ist, dass Erdoğan den Populismus gar nicht bestreitet. Das ist praktisch schon Postpopulismus. Horst Seehofer wirkt dagegen wie das Mitglied eines Kanarienzüchtervereins. Dass Erdoğan nicht nur so tut, sondern den Koran tatsächlich rezitieren kann, hat er schon einige Male bewiesen (und, man muss es zugeben, es klingt gar nicht so übel – besser als der aggressive Ton auf besagten Mitings, hier eine Kostprobe).

Erdoğan ist ein Meister des Populismus, aber mitnichten ist er der Einzige, der ihn anwendet. Besagter Kılıçdaroğlu ist gerade auch viel unterwegs, ganz nah "beim Volk". Wie der Zufall es will, just an dem Tag, als das Türkische Amt für Statistik veröffentlichte, dass 22 Prozent der Türken unter der Armutsgrenze lebten, saß der CHP-Chef in Izmir, Hochburg seiner Partei, bei einem Treffen mit Gewerbetreibenden vor einem betont bescheidenen Mittagessen: Es gab Sesamkringel, Schafskäse und schwarzen Tee. Und auch die prokurdische HDP, die mit ihrem Vorsitzenden Selahattin Demirtaş einen neuen Ton und Humor in die türkische Politik bringt, beugt sich dem Populismusdiktat. Die armen HDP-Kandidaten müssen überall erst einmal mehrere Runden Halay tanzen (das ist dieser Gruppentanz, den Sie sicher von türkischen, kurdischen oder arabischen Hochzeiten kennen), um überhaupt ernst genommen zu werden. Sie machen natürlich mit. Nach dem fünften Dorfbesuch in Diyarbakır findet man das wahrscheinlich nicht mehr so amüsant. Vor allem nicht bei den Temperaturen. Aber das Volk bekommt, was es will. Auf dem Oktoberfest einen Zapfhahn in ein Fass zu schlagen, ist dagegen Kindergeburtstag.

Medien spielen das Populismus-Spiel mit, nicht nur als Kanal, sondern als Akteure. Vielleicht ist das nicht weiter verwunderlich, da nahezu jedes Medium einer parteipolitischen Ausrichtung folgt. Zum Zweck der Verunglimpfung des politischen Feindes ("nur" Gegner gibt es kaum in der türkischen Politik) werden sogar ein Jahr alte Artikel aus der FAZ wieder hervorgekramt. Darunter hat zur Zeit Selahattin Demirtaş zu leiden. Vergangenen Sommer traf er sich in Köln mit einem Redakteur zum Interview in einem Kölner Hotel (ich hatte den Termin danach, hier noch einmal das Interview zum Nachlesen), man frühstückte, und anscheinend fand der FAZ-Redakteur es total wichtig, in seinem Artikel zu erwähnen, dass sich der Muslim Demirtaş "drei Scheiben Schweinespeck auf den Teller legt." Jetzt brachte eine AKP-nahe Zeitung den Speck-Gate sogar auf den Titel – eine deutsche Zeitung, so hieß es, habe Demirtaş’ "wahres Gesicht" gezeigt.

In seinem Morgenmagazin, das auf dem türkischen Ableger von Fox läuft, lieferte der Moderator Ismail Küçükkaya neulich ebenfalls ein interessantes Beispiel dafür, wie sehr auch Medien zum Populismus neigen. Der Sender ist bekannt dafür, nicht gerade ein Fan des Staatspräsidenten, der Regierungspartei AKP oder ihrer Idee zu sein, nach der kommenden Parlamentswahl ein Präsidialsystem in der Türkei einzuführen. Küçükkaya liest während seiner Sendung zwischendurch immer Tweets von Zuschauern vor. Oft wird er da von AKP-Anhängern beschimpft, von AKP-Gegnern für sein Programm gelobt. Einer schrieb neulich: "Wäre ich Murdoch, dann würde ich Ihnen ganz viel Gehalt bezahlen!" Rupert Murdoch ist der australische Medienmogul, dem Fox gehört. Moderator Küçükkaya las den Tweet vor, schaute in die Kamera, und sagte: "Wenn ich Präsident wäre, würde ich Sie zum Abgeordneten machen!" Nun, für das Zum-Abgeordneten-Machen ist ja eigentlich der Wähler zuständig. Aber was heißt das schon, wenn man eine populistische Pointe landen kann?