Der bekannteste Warlord der ostukrainischen Separatisten-Armee ist ein launischer, schlanker Typ mit dunklem Haar und wässrigen Augen. 35 Jahre alt, nicht verheiratet, liebt schöne Frauen, schicke Autos und starke Zigaretten. Über Michail Tolstychs Vergangenheit ist fast nichts bekannt, doch seinen Kampfnamen kennt im Donbass jeder: Kommandeur Giwi.

Er führte Kämpfer an, die im vergangenen August die ukrainische Armee in Ilowajsk einkesselten und zur Flucht zwangen; mehr als 1.000 ukrainische Soldaten sollen dabei getötet worden sein. Die Regierung in Kiew zwang diese Schlacht in die Defensive. Im Januar besetzten Giwis Milizionäre den Flughafen von Donezk – für den ukrainischen Widerstand gegen die russische Aggression ein symbolischer Ort. Die ukrainischen Truppen mussten fliehen, bei Debalzewe wurden sie danach eingeschlossen. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sah sich in der Folge genötigt, mit dem russischen Präsidenten Waldimir Putin einen Kompromiss zu schließen.

In der Schlacht um den Flughafen von Donezk wurde Giwi angeschossen, während er eine Gruppe ukrainischer Gefangener misshandelte. Einen von ihnen zwang er, seine blau-gelben Militärabzeichen zu schlucken. Menschenrechtsorganisationen protestierten wegen solcher Verstöße gegen die Genfer Konventionen; die selbst ernannte Volksrepublik von Donezk antwortete darauf nur: "Wir haben diesen Pakt nie unterzeichnet."

Held oder Kriegsverbrecher

Die einen sagen, Giwi sei ein Held, andere nennen ihn einen Kriegsverbrecher. Giwi gibt sich als Mann der Tat und sagt, allein die Geschichte werde über ihn urteilen.

Oder am Ende vielleicht doch die internationale Justiz? "Wir sind im Recht", sagt der Kommandeur. "Wir kämpfen bloß für die Unabhängigkeit unseres Volkes, und wir werden weitermachen bis um Sieg." Die Wahrheit dürfte ein wenig anders aussehen.

Giwis wahre Identität ist noch immer ein Geheimnis. Nach seiner "offiziellen" Biografie, wie er sie in diversen Interviews verbreitet, ist er im Distrikt von Ilowajsk geboren, nicht weit von Donezk. Von 1998 bis 2000 will er in der ukrainischen Armee gedient und danach einen Job als Fabrikarbeiter angenommen haben. Im Frühjahr 2014 habe sich sein Leben schlagartig verändert, als nach dem Sturz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch prorussische Separatisten in Donezk und Luhansk Regierungsgebäude angriffen, die Macht übernahmen und die Unabhängigkeit ihrer Volksrepubliken ausriefen.

"Der Chef unserer Fabrik war ein ukrainischer Geschäftsmann", erzählt Giwi. "Wir haben gestreikt und ihn in die Flucht geschlagen. Die Politik der Kiewer Regierung habe ich nie geschätzt: Ich habe mich immer als Russen gesehen. Mir wurde schließlich klar, dass es Zeit war zu handeln, und ich schloss mich der Separatistenmiliz an." Wie ein einfacher Arbeiter aus der Ostukraine in so kurzer Zeit zum Strategen werden konnte, bleibt unklar.

Die Erklärung könnte ganz einfach sein. Kommandeur Giwi spricht mit starkem georgischen Akzent, und er hat selbst gesagt, sein Urgroßvater sei ethnischer Georgier gewesen. Laut den ukrainischen Behörden ist der sogenannte Che Guevara des Donbass ein international erfahrener Söldner mit russischem Pass, ein Veteran des tschetschenischen und anderer schmutziger Kriege. Seine militärischen Fähigkeiten würde dieser Hintergrund erklären, vom Himmel werden sie nicht gefallen sein. Seit März steht er wie auch seine Miliz auf der Sanktionsliste der EU, weil sie sich daran beteiligt hätten, die territoriale Integrität, Souveränität und Unabhängigkeit der Ukraine zu untergraben und das Land zu destabilisieren.

Popularität via YouTube

In jedem Fall hat der Krieg in der Ukraine Tolstych zu einer Art Superstar gemacht. YouTube-Videos verdankt er seine Popularität und mediale Dauerpräsenz. In wenigen Wochen verbreitete sich der Clip zehntausendfach und russische Sender schlachten es seither für ihre Propaganda aus. Die Aufnahme zeigt Giwi während eines Beschusses mit Grad-Raketen. Um ihn herum laufen alle in Panik wild durcheinander, doch der Kommandeur raucht ungerührt weiter, zieht nur eine Augenbraue hoch und beobachtet, wie die Hölle losbricht.

"Ich habe nur meinen Soldaten zu danken", sagt Giwi, "sie sind die wahren Helden, nicht ich. Ich bin bloß ein einfacher Kommandeur." Giwis Miliz ist eine Truppe sorgfältig ausgewählter, treuer Gefolgsleute. Sie nennen sich das Somalia-Bataillon. Es heißt, nach der Schlacht um Ilowajsk habe ein hochrangiger Offizier der Separatisten unter dem Eindruck des Anblicks von Leichen und verbrannten Panzern ausgerufen: "Giwis Leute sind bösartiger als somalische Piraten!" Das wurde für passend befunden, der Name der Einheit stand fest.

Giwi ist stolz darauf, als harter Kerl zu gelten, und spielt diese Rolle gut. Sein persönliches Maskottchen ist ein ukrainischer Kriegsgefangener, den die Separatisten im vergangenen Herbst in den Ruinen des Donezker Flughafens aufgegriffen haben. Seit Wochen halten sie den Pechvogel an der Front fest, untergebracht ist er in dem zerstörten Gebäude, das dem Bataillon als Kommandoposten dient. Die Somalis versorgen ihn mit Essen, Wodka und Zigaretten. Manchmal holt Kommandeur Giwi den Mann im Geländewagen ab und nimmt ihn mit auf einen Streifzug durch Donezk. Er  versucht, ihn von der Brutalität der Ukrainer und der Richtigkeit der Sache der Separatisten zu überzeugen.

Gesprächspartner westlicher Journalisten

Die Unverfrorenheit des Kommandeurs unter westlichen Journalisten legendär. Sie sprechen über ihn in einer sonderbaren Mischung aus Unterwürfigkeit und Vergnügen. Im Flüsterton erzählt man sich Anekdoten: etwa wie er eine Gewehrsalve auf die Wand des Schlafraums abfeuert, nur um seine Soldaten zu wecken; wie er ausrastet, als ein Rentnerpaar ihm in den Wagen fährt, der sein größter Schatz ist, und vier Schüsse auf ihre Reifen feuert.

Die ausländischen Journalisten in Donezk treffen Giwi im Ramada, einem der luxuriösesten Hotels der Stadt. Anders als die Mehrheit der Separatistenführer hat er die Bedeutung der Medien im Krieg erkannt. Trotz seines grimmigen Aussehens und der furchteinflößenden Erscheinung seiner Bodyguards ist er Journalisten nicht abgeneigt. Er scheint vielmehr daran interessiert, sein eigenes Bild eines Volkshelden permanent zu befördern.

"Ich mag Bruce Willis", sagte er einem britischen Journalisten. "Wenn jemand einen Film über mein Leben drehen würde, möchte ich gern von George Clooney gespielt werden." Ein Korrespondent der New York Times schrieb über ihn: "Er sieht aus wie der junge Sylvester Stallone." Giwi liebt Hollywoodfilme, vor allem Actionstreifen; er schätzt Wladimir Putin, mag Boxen und spielt Fußball.

Er versucht, seine Popularität dafür einzusetzen, die Slogans der Separatisten in aller Welt zu verbreiten. "Jene, die es ablehnen zu kämpfen, sind keine echten Männer", sagt er. "Selbst unsere Frauen haben es auf sich genommen, zur Waffe zu greifen. Jetzt kämpfen sie mit uns, hier in den Gräben. Die Kiewer Junta muss akzeptieren: Die Unabhängigkeit des Donbass ist ein Fakt. Wir werden uns nicht ergeben."

Trotz der Vereinbarungen über die Waffenruhe von Minsk ist die Lage in der Ostukraine angespannt. Noch immer gibt es Artilleriebeschuss, vor allem in der Nähe von Donezk. Die Offiziere des Somalia-Bataillons warten in ihrem Hauptquartier, nicht weit von den Ruinen des Flughafens, auf Befehle. Sie träumen von einer neuen Offensive, die durch die Eroberung von Mariupol und Odessa den Donbass mit der Krim verbinden würde. Wenn es dazu käme, würde das ganze Unternehmen, glauben die Kämpfer des Somalia-Bataillons, in die Hände eines Mannes gelegt werden: Kommandeur Michail Tolstych, genannt Giwi.

Aus dem Englischen von Carsten Luther

Korrekturhinweis: In der ursprünglichen Version dieses Artikels hieß es, Giwi sei in der Schlacht um Debalzewe angeschossen worden. Richtig ist: Er wurde am Flughafen von Donezk angeschossen. Wir haben diesen redaktionellen Fehler nach einem Leserhinweis berichtigt. Die Redaktion