Israel hat das Westjordanland de facto annektiert, und es besagt nicht viel, ob das Gebiet eines Tages offiziell dem Staat zugeordnet wird oder nicht. Allerdings: der erweiterte Staat würde fast so viele arabische wie jüdische Seelen zählen, nämlich jeweils um die acht Millionen. Nach allen Erfahrungen würde die palästinensische Bevölkerung rascher als die israelische wachsen, die Minderheit der orthodoxen Juden ausgenommen. Netanjahu aber hat zu Beginn dieses Jahres Israel als "jüdischen Staat" deklariert, das heißt: als eine Art Religionsstaat, in dem freilich die Zahl der nichtjüdischen Bürger sehr rasch größer wachsen würde als die Zahl der Juden. Und das, obwohl Netanjahu selbst kein getreulich praktizierender Jude ist.

Würden die Mitglieder der islamischen Mehrheit damit auch in ihrer Rechtsstellung das werden, was sie in Wirklichkeit ohnedies sind: Bürger zweiter Klasse? Wären wir in der Folge mit einem Apartheid-System konfrontiert? Würde den Bürgern in diesem bitteren Fall nicht ein Zustand permanenter Unruhe und terroristischer Anschläge drohen? Müssten sich damit nicht automatisch die Mittel und die Maßnahmen polizeilicher Überwachung und militärischer Interventionsbereitschaft steigern? Würden sich nicht die Mitglieder der wirtschaftlichen, kulturellen und intellektuellen Elite fragen, ob ihre Kinder in einer militarisierten Gesellschaft der Furcht und der latenten Gewalt aufwachsen sollen? Würde nicht eine Abwanderung der Eliten drohen, die auch jetzt schon eine Gefahr ist? 

Netanjahu isoliert sein Land

Was würde das über die Zukunft des Staates aussagen, der so rasch nach seiner gewaltsamen Gründung wie ein großer Garten aufblühte? Eine starke Demokratie inmitten tyrannisch regierter Nachbarschaften und damit eine Hoffnung, nicht nur der über die Welt zerstreuten Juden, sondern der gesamten zivilisierten Menschheit. In den Augen der Deutschen war es die tapfer-positive und produktive Antwort auf die Vernichtung der Millionen, für die sie die Verantwortung trugen.

Nein, man muss nicht Barack Obama sein, um zu fragen, ob nicht gerade Netanjahu mit seiner Kraftprotzerei, seiner eitlen Frechheit und seiner trickreichen Schlaumeierei der gefährlichste Feind Israels ist. Der das Land in der westlichen Welt zu isolieren droht und nun obendrein glaubt, er könne es sich leisten, sich den Präsidenten der Vereinigten Staaten zum Gegner zu machen, um sich von der republikanischen Rechten umjubeln zu lassen, die sich von ihm in ihrer Prahlsucht nur zu gern umschmeicheln lässt. 

Die USA wenden sich Ägypten zu

Es wäre in der Tat fatal, wenn die Israeli eines nicht zu fernen Tages feststellen müssten, dass ihnen Netanjahu die rechten Großmäuler Amerikas als die einzigen Alliierten in der westlichen Welt hinterließ.

Seit dem Jahr 2008 bezieht Israel keine wirtschaftlichen Hilfsmittel der Vereinigten Staaten mehr. Die blühende Industrie des Landes mit ihren Exporterfolgen braucht sie nicht. Doch die militärische Unterstützung hat sich im gleichen Zeitraum bis 2014 um nahezu eine Milliarde gesteigert.

Es sollte nicht aus den Augen verloren werden, dass sich Amerika nicht mehr nur auf Israel als den einzig verlässlichen Verbündeten im Nahen Osten stützt, sondern mit großem Bedacht eine zweite stabile Allianz zu etablieren sucht: mit den ägyptischen Militärs. Eine Kooperation übrigens, die den Frieden mit den israelischen Nachbarn garantiert. Kein geringer Nebeneffekt.