ZEIT ONLINE: Herr Dergrigorian, Wasserwerfer, Straßenbesetzungen, Demonstrationen, einige sprechen gar von Volksaufstand – was passiert da gerade bei Ihnen in Jerewan?

Babken Dergrigorian: Es ist kompliziert. Was hier am Wochenende vor einer Woche mit einem Sitzstreik begann, hat mit der Energieversorgung Armeniens, dem Missmanagement in der Regierung, mit der Abhängigkeit von Russland und mit dem gewachsenen Mut vieler Armenier zu tun, das alles nicht mehr einfach so hinzunehmen.

ZEIT ONLINE: Wieso haben die Demonstranten eine Straße in der Hauptstadt besetzt?

Dergrigorian: Die Mobilisation begann nach der Ankündigung des Energieversorgers, die Strompreise zum ersten August um etwa 15 Prozent zu erhöhen. Das wäre die dritte Preiserhöhung innerhalb von fünf Jahren gewesen. Wieso sollen wir für die Fehler im Management des Stromkonzerns zahlen? Das haben sich die Leute gefragt. Dieser Energieversorger ist eine russische Firma. Seine Strompreise muss das Unternehmen aber mit der armenischen Regierung abstimmen.

ZEIT ONLINE: Weshalb wurde aus einer Demonstration in den vergangenen Tagen eine Massenbewegung?

Dergrigorian: Anfangs war es nur eine Facebook-Gruppe, der immer mehr und mehr und mehr Mitglieder beitraten. Ein paar Hundert Leute haben dann beschlossen, den Freiheitsplatz zu besetzen. Das war noch keine große Sache. Doch die Regierung muss Angst bekommen haben. Als die Aktivisten am Montag vor einer Woche auf einer Demo vom Parlament zum Sitz des Präsidenten laufen wollten, gab es ein unglaubliches Polizeiaufgebot. So viele Polizisten habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen.

ZEIT ONLINE: Und dennoch gelang es den Demonstranten, die Straße zu besetzen?

Dergrigorian: Ja, denn aus den Hunderten wurden Tausende. Einige übernachteten auf der Straße zwischen Parlament und Präsidentensitz. Am vergangenen Dienstagmorgen gegen 5.30 Uhr wollte die Polizei die Straße dann räumen. Die Beamten gingen mit Wasserwerfern vor. Es kam zu Schlägereien. Animiert durch diese Bilder strömten jedoch immer mehr Armenier ins Zentrum, um die Demonstranten zu unterstützen. Am Dienstag haben die Leute dann Müllcontainer und Mülltonnen zusammengeschoben und eine Barrikade errichtet. Danach haben der Guardian, die New York Times, die BBC, Al Jazeera über unser kleines Armenien berichtet.

ZEIT ONLINE: Wer protestiert da auf der Straße?

"Es waren 50.000 bis 60.000 Leute auf der Straße"

Dergrigorian: Die Armenier kommen aus allen sozialen Schichten: Jugendliche, Rentner, Eltern, Kinder, Facebook-Nutzer und keine Facebook-Nutzer. An manchen Abenden wirkte es fast wie ein Festival, auf dem Musik gespielt wird. Die Leute verteilen Essen und fegen auf dem besetzten Platz, um den Müll zu beseitigen. Aus ein paar Hundert wurden in den vergangenen Tagen Zehntausende. Während des Höhepunktes des Protestes waren 50.000 bis 60.000 Leute auf der Straße. Und auch in anderen armenischen Städten gab es Demos. Die Regierung wusste nicht, was zu tun ist.

ZEIT ONLINE: Woher haben Sie Ihre Zahlen? In ganz Armenien wohnen gerade einmal drei Millionen Menschen.

Dergrigorian: Wir haben die besetzte Fläche der Demonstranten gemessen und geschätzt, wie viele Menschen darauf Platz haben. Ich habe meine Masterarbeit über zivilgesellschaftliche Bewegungen in Armenien geschrieben und weiß daher: So groß war der Wille der Zivilgesellschaft noch nie, die Politik zu beeinflussen.

ZEIT ONLINE: Was kann man an dieser Protestbewegung mit den Revolutionen in der Ukraine oder im angrenzenden Georgien vergleichen? Und was nicht?

Dergrigorian: Gleich ist lediglich der Anfang. Auch in der Ukraine hatten sich ein paar Jugendliche via Internet verabredet. Ansonsten ist die Ukraine die Ukraine, und Armenien ist Armenien. Viele Demonstranten unterstützen in Jerewan die Ukraine, wollen aber nicht mit dem Beispiel der Ukraine verglichen werden.

Selbst wenn hier alle Russland hassen würden, gäbe es gar nicht die Option einer Abwendung vom großen Nachbarland. Die Russen sichern die Energieversorgung und die Sicherheit Armeniens im Bergkarabach-Konflikt mit Aserbaidschan. Im Übrigen kam der Vergleich mit der Maidan-Revolution vor allem aus Russland.

ZEIT ONLINE: Weshalb?

Dergrigorian: Russische Medien haben die Demos hier mit dem Maidan verglichen und sie danach als eine Aktion der USA dargestellt. Die CIA soll gar beteiligt gewesen sein.

ZEIT ONLINE: Wie viele CIA-Agenten waren oder sind denn in Jerewan?

Dergrigorian: Das ist eine reine Propagandalüge. Es gibt eine große Diaspora von Armeniern in der Welt, auch in den USA und England. Aber dass die CIA hier involviert sein soll, ist einfach absurd. Die meisten Aktivisten sprechen gar kein Englisch und sind in keiner Hinsicht pro USA eingestellt. Sie kämpfen für soziale Gerechtigkeit in Armenien und mehr Respekt vom russischen Staat.

ZEIT ONLINE: Das Wort Revolution nehmen Sie angesichts der wachsende Proteste nicht in den Mund?

Dergrigorian: In Armenien gibt es erst seit drei, vier Jahren eine Mobilisierungsbereitschaft, wie wir sie jetzt erleben. Im Jahr 2013 sind die Armenier auf die Straße gegangen, um erfolgreich gegen eine Erhöhung der Bus- und Metropreise zu demonstrieren. Die Bereitschaft, für seine Anliegen demonstrieren zu gehen, wächst, aber als Revolution würde ich das noch nicht bezeichnen. Den Protest, den wir gerade erleben, könnte man vielleicht mit der Zeit kurz vor der Orangenen Revolution in der Ukraine vor mehr als zehn Jahren vergleichen.

ZEIT ONLINE: Wie wird es nun in Jerewan weitergehen?

"Die Abhängigkeit wächst weiter"

Protestierende, die am vergangenen Dienstag durch Wasserwerfer der Polizei von der Straße in Jerewan vertrieben werden sollten © Vahram Baghdasaryan/Reuters

Dergrigorian: Ich weiß es nicht. Die Regierung hat angekündigt, die Strompreise doch nicht zu erhöhen. Die Differenz zwischen dem verlangten Preis vom Energieversorger und dem Preis, den die Menschen zahlen, soll nun aus dem Staatshaushalt kommen. Doch natürlich wissen alle, dass das keine Lösung ist. Das Geld aus dem Staatshaushalt kommt zu großen Teilen ja von ihren Steuerzahlungen. Der Protest geht also weiter.

ZEIT ONLINE: Und die Polizei schaut einfach zu?

Dergrigorian: An den vergangenen drei Tagen war es sehr brenzlig. Erst versuchte die Regierung, die Führung der Proteste zu spalten. Am gestrigen Montagmorgen hieß es dann, wegen der Müllcontainer, die als Barrikaden dienen, sei ein Strafverfahren eingeleitet worden und die Polizei werde die Blockaden räumen. Doch schon im Moment dieser Ankündigung strömten wieder mehr Aktivisten auf die Marshal-Baghramyan-Avenue. Die Beamten schafften es nicht, die Mülltonnen wegzutragen. Die Partystimmung ist nun etwas vorüber, aber dafür professionalisiert sich die Protestbewegung. Gestern Nacht gab es ernste Planungsgespräche unter den Anführern der Protestbewegung.

ZEIT ONLINE: Wenn also weiter protestiert wird: Was kann ein Ziel der Demonstranten sein?

Dergrigorian: Die Menschen wollen, dass der Strompreis gesenkt wird. Das klingt simpel. Dahinter stehen jedoch viele Probleme Armeniens, vor allem die Abhängigkeit von Russland. Wir wollen keine Kolonie Russlands mehr sein. Es wirkte auf die Armenier wie Erpressung, als ihr Land der Eurasischen Wirtschaftsunion beitreten musste. Bis zum Dezember 2013 war der armenische Gasversorger zu 80 Prozent in russischem Besitz. Seitdem sind es 100 Prozent. Und am Freitag in der Hochzeit des Protests reiste unser Präsident nach Russland und kam mit einer hohen Kreditzusage wieder zurück. Er dachte, das wäre ein Erfolg. Die Menschen auf der Straße dachten: Die Abhängigkeit wächst weiter.

ZEIT ONLINE: Die Präsidentschaftswahlen liegen erst zwei Jahre zurück. Kann am Ende des Protests eine Neuwahl stehen?

Dergrigorian: Die Menschen wollten keine Oppositionspolitiker auf der Demo sehen, ihnen geht es zunächst nicht um Neuwahlen. Sie haben das Vertrauen in einen Regierungswechsel verloren. Die Forderungen von ElectricYerevan sind klar: Senkung des Strompreises und eine Bestrafung der Polizisten, die gewaltsam gegen Demonstranten vorgegangen sind. Es kann natürlich sein, dass diese Forderungen erst von einem neuen Präsidenten erfüllt werden.