Knapp ein halbes Jahr nach den Mordanschlägen auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris ist Frankreich erneut von einem islamistischen Anschlag erschüttert worden. In dem Ort Saint-Quentin nahe Lyon verübten Unbekannte einen offenbar islamistischen Angriff. Ziel war eine Fabrik des US-Unternehmens Air Products, das Gasprodukte für die Industrie herstellt.

Mindestens ein Mensch wurde bei dem Anschlag getötet. Die Leiche des Mannes wurde enthauptet gefunden. Der Kopf war laut Ermittlern mit arabischen Schriftzeichen beschrieben und am Eingang der Anlage an einem Zaun befestigt. Der Tote ist nach übereinstimmenden Medienangaben der Geschäftsführer einer Transportfirma nahe Lyon.

"Laut den ersten Ermittlungsergebnissen sind eine oder mehrere Personen mit einem Fahrzeug auf die Fabrik zugerast, dann gab es eine Explosion", sagte ein Ermittler. Mindestens ein Angreifer sei auf das Gelände vorgedrungen, sagte ein anderer Ermittler, er habe eine islamistische Fahne in der Hand gehabt und mehrere Gasflaschen in die Luft gesprengt. "Das war ein Anschlag terroristischer Natur", sagte Frankreichs Präsident am Rand des EU-Gipfels in Brüssel.

Mindestens zwei weitere Menschen wurden leicht verletzt. Die Anlage ist als Industrieeinrichtung eingestuft, in der gefährliche Produkte lagern. Das Gelände wurde inzwischen geräumt, Hubschrauber suchen die Gegend ab. 

Ein 35-jähriger Mann wurde bereits kurz nach dem Angriff festgenommen. Er wurde inzwischen identifiziert. Der Mann ist dem französischen Inlandsgeheimdienst DGSI bekannt, er wurde zeitweise überwacht und galt als radikalisiert, sagte der französische Innenminister Bernard Cazeneuve am Anschlagsort. Der Mann habe Verbindungen zur "salafistischen Bewegung" gehabt. Er sei 2006 auf eine Liste der Sicherheitsbehörden gesetzt, 2008 aber wieder aus dem Register herausgestrichen worden. Vorstrafen hat er demnach nicht.

Auch die Frau des Mannes wurde später in der Nähe von Lyon verhaftet. Vor ihrer Festnahme hatte sie dem Radiosender Europe 1 ein Interview gegeben – und offenbar erst da von der Festnahme ihres Mannes erfahren. "Ich weiß nicht, was gerade passiert", sagte sie. Ihr Ehemann sei am Morgen wie jeden Tag zur Arbeit gefahren. "Wir sind normale Muslime. Wir haben drei Kinder, ein normales Familienleben."  

Ein weiterer Verdächtiger wurde nach Angaben der Regionalzeitung Dauphiné Libéré in seiner Wohnung in Saint-Quentin festgenommen. Es soll sich um den Fahrer des Wagens handeln, der zum Tatort in die Fabrik für Industriegase gefahren sein soll. Die Pariser Staatsanwaltschaft übernahm die Ermittlungen und schickte einen Anti-Terror-Ermittler nach Saint-Quentin.

Hollande beendet Griechenland-Gespräche in Brüssel

Ein Spezialeinsatzkommando sei unterwegs zum Tatort, berichteten französische Medien. Auch der Innenminister sei auf dem Weg. Präsident Hollande beendete die Beratungen zu Griechenland in Brüssel vorzeitig und wird demnächst in Paris eintreffen. Für 15 Uhr ist das Sicherheitskabinett einberufen. Premierminister Manuel Valls wird per Telefon dazugeschaltet, er ist gerade in Kolumbien. "Der Terrorismus hat Frankreich erneut getroffen", sagte er auf einer improvisierten Pressekonferenz.

Premierminister Manuel Valls ordnete erhöhte Alarmbereitschaft für alle großen Industrieanlagen in der Region Rhône-Alpes an, die gefährdet sein könnten. Im Krankenhaus von Bourgoin-Jallieu wurde ein Krisenstab eingerichtet.

In Frankreich waren im Januar bei einer islamistischen Anschlagsserie auf die Satirezeitung Charlie Hebdo und auf einen jüdischen Supermarkt insgesamt 17 Menschen getötet worden.