ZEIT ONLINE: Herr Ilves, wie fühlt es sich an, Präsident eines Kalter-Krieg-Frontstaats im 21. Jahrhundert zu sein?

Toomas Hendrik Ilves: Nun ja, für einen Ex-Kalten-Krieger fühlt es sich an wie zu alten Zeiten! (lacht) Die Propaganda ist dieselbe, die rhetorische Härte ist dieselbe. Aber ist es nicht ein wenig seltsam, diese Frage in Deutschland gestellt zu bekommen? Denn ich denke, es fühlt sich so ähnlich an wie 1981 in Berlin.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Ilves: Ich meine, dass man merkt, was Verteidigung kostet. Wir haben gerade das größte Nato-Militärmanöver der vergangenen 20 Jahre abgehalten. 14.000 Soldaten haben teilgenommen, die Hälfte von ihnen Reservisten, die aus 32 Ländern anreisten. Wir haben die Wehrpflicht beibehalten, und sie ist populär. Also: Es ist nicht so, als könnten wir uns nicht verteidigen. Aber man muss dafür natürlich auch bezahlen. Wenn sich die Nato-Staaten darauf verständigen, zwei Prozent des Bruttosozialprodukts für Verteidigung auszugeben, dann sollten sie sich auch daran halten. Wir tun es.

ZEIT ONLINE: Die Russen nennen solche Aufrüstung und solche Manöver eine Aggression durch die Nato.

Ilves: Bei dem russischen Manöver Zapad ("Westen", Anm. d. Red.), das 2013 ohne internationale Beobachtung ablief, übten 70.000 Soldaten eine Invasion der Baltenstaaten. Da sollte man eine Abwehrübung doch wohl verstehen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie die Sorge, dass das, was in der Ukraine passiert ist, auch in Estland passieren könnte? Eine hybride Invasion, teils militärisch, teils ideologisch?

Ilves: Nein. Es wird immer wieder gesagt, dass die 350.000 Russen, die in Estland leben, sich instrumentalisieren ließen. Die Leute, die darüber spekulieren, sind Hobbystrategen. Gucken Sie sich mal die Einkommensunterschiede diesseits und jenseits der Grenze zu Russland an. Und den Grad der Freiheit hier und dort. Narva, die Grenzstadt, die immer wieder genannt wird, ist der beste Ort, um Leute zu treffen, die Russland nicht beitreten wollen. Man muss nur die Brücke ins Nachbarland überqueren, um sich billige Zigaretten oder Alkohol zu kaufen, dann merkt man, wie es dort aussieht. Niemand, der das gesehen hat, will Teil der Russischen Föderation werden.

ZEIT ONLINE: Andererseits sind die ethnischen Russen in Estland dem russischen Propagandafernsehen ausgeliefert.

Ilves: Das sind sie. Es gibt eine starke emotionale Unterstützung für Putin, auch für die Annexion der Krim. Aber wissen Sie, das ist ein Diaspora-Phänomen. Wenn man in Chicago mit Polen spricht, reden viele von denen auch sehr rechts-nationalistisch daher. Das heißt aber nicht, dass sie in Polen leben wollen.