"Das Boot ist voll", warnte Ungarns Regierungssprecher Zoltan Kovacs und kündigte wegen der angestiegenen Zahl illegaler Immigranten den Bau eines vier Meter hohen Zauns an der Grenze zu Serbien an. Diese Woche legte der 46-Jährige (Laut)Sprecher des nationalpopulistischen Premiers Viktor Orbán nach und forderte mehr Solidarität von den europäischen Partnern: "Alle schauen nur auf das Mittelmeer. Dabei kommen über die Balkanroute viel mehr Immigranten nach Europa."

Hat Ungarn tatsächlich keine andere Wahl, als einen riesigen Zaun zu bauen und seine Nachbarn und EU-Partner mit populistisch anmutenden Sprüchen zu brüskieren?

Fakt ist, dass der Donaustaat wegen seiner Schengen-Außengrenze zu Serbien für Flüchtlinge und Schlepper als einer der wichtigsten Etappen auf der sogenannten Balkan-Route von der Türkei nach Mitteleuropa gilt. Richtig ist auch, dass die Anzahl der registrierten illegalen Grenzübertritte in diesem Jahr stark gestiegen ist. Lag deren Zahl im vergangenen Jahr noch bei 42.000 und 2013 bei nur 2.000, sind laut der Regierung in diesem Jahr bereits 61.000 illegale Immigranten registriert worden. Nach Angaben der EU-Grenzagentur Frontex verzeichnete Ungarn bis Mai mehr illegale Grenzübertritte als die Mittelmeer-Anrainer Italien oder Griechenland. Laut des statistischen Amtes der Europäischen Union weist Ungarn gemessen an der Einwohnerzahl in diesem Jahr in der EU die höchste Zahl von Asylanträgen auf. Und bis Ende des Jahres müsse mit 120.000, im nächsten Jahr gar mit 250.000 Immigranten zu rechnen sein, vermutet die Regierung in Budapest.


Allerdings: Ob sich die Immigranten-Zahlen so einfach hochrechnen lassen, scheint fraglich. Verzerrt wird das Bild nämlich durch die inzwischen wieder stark zurückgegangene Einwanderung aus dem Kosovo. Zehntausende Bürger des bitterarmen Staatenneulings machten sich nur zu Jahresbeginn über Serbien und Ungarn gen Mitteleuropa auf.

Während das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) Budapest lange wegen der monatelangen Internierung von Asylsuchenden in geschlossenen, eher Gefangenencamps ähnelnden Auffangzentren kritisierte, hat sich deren Verweildauer im Land mittlerweile drastisch verkürzt. Die meisten machen sich ohne Aufenthalt in Richtung der österreichischen Grenze auf. Durch Ungarn geht zwar ihr Weg, doch das Land ist keineswegs ihr Ziel. So kommen zwar viele, doch bleiben nur wenige: Von den 43.000 im letzten Jahr registrierten Immigranten sind nur noch wenige Hundert im Land. Muss man dafür wirklich einen Zaun bauen?