ZEIT ONLINE: Herr Lapavitsas, was halten Sie von den neuen Vorschlägen der griechischen Regierung?

Costas Lapavitsas: Wir haben die konkreten Vorschläge auch noch nicht gesehen, deshalb müssen wir das Ende der Verhandlungen abwarten. Wenn die Reformen aber vor allem aus Sparmaßnahmen bestehen, die das tägliche Leben der Menschen in diesem Land weiter negativ beeinflussen, dann wird es erhebliche politische Probleme geben.

ZEIT ONLINE: Was genau meinen Sie damit?

Lapavitsas: Viele Syriza-Abgeordnete, ob von der linken Seite oder nicht, werden sich sehr schwertun, einem solchen Programm zuzustimmen. Wie sollen sie dann zurück in ihre Wahlkreise zu den Menschen gehen und das erklären?

ZEIT ONLINE: Wo sehen Sie die roten Linien?

Lapavitsas: Wir übertreiben es allmählich mit dieser Diskussion um irgendwelche roten Linien. Es wird absurd. Ich kann nur sagen, insgesamt darf es keine Sparmaßnahmen geben. Das Paket muss stimmen.

ZEIT ONLINE: Manche in Ihrer Partei sagen, selbst wenn sie das Paket jetzt nicht überzeugt, müsse man zustimmen, um das politische Projekt zu retten. Was sagen Sie?

Lapavitsas: Welches politische Projekt denn?

ZEIT ONLINE:Griechenland zurück zu Wachstum und Wohlstand zu führen.

Lapavitsas: Aber genau das ist doch das Problem! Wie will man einem Programm zustimmen, das eben kein Wachstum bringen wird. Hier gibt es einen Widerspruch in sich.

ZEIT ONLINE: Was ist, wenn es zu keiner Einigung kommt?

Lapavitsas: Es kann gut sein, dass es nicht einmal im Laufe dieser Woche zu einer Einigung kommt. Ein Bruch zwischen der griechischen Regierung und den Geldgebern wäre für mich keine Überraschung. Aber das würde nicht daran liegen, dass die griechische Seite nicht zu Kompromissen bereit ist. Die Geldgeber fordern einfach eine vollständige Kapitulation.

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hätte ein solcher Bruch für Griechenland?

Lapavitsas: Das größte Problem liegt im Bankensystem. Die Situation ist extrem. Griechenland kann einfach den Anforderungen des Euro nicht nachkommen. Das ist doch offensichtlich. Dieses Land geht unter. Was man jetzt den Menschen wieder aufbürden will, ist schlicht furchterregend. Wenn es nur ein bisschen Vernunft, sowohl in Griechenland als auch im restlichen Europa gäbe, hätte man schon früher nach anderen Lösungen gesucht.

ZEIT ONLINE: Sie meinen einen Austritt aus dem Euro?

Lapavitsas: Ja, von mir aus fünf Jahre Pause vom Euro oder einen Austritt aus dem Euro in gegenseitigem Einvernehmen, sodass die griechische Wirtschaft wieder aufatmen kann und das Sparen ein Ende hat.

ZEIT ONLINE: Dann haben Sie ein Problem mit der öffentlichen Meinung. 70 Prozent der Griechen wollen im Euro bleiben, selbst wenn es harte Sparmaßnahmen gibt.

Lapavitsas: Das Problem ist nicht die breite Mehrheit der Bevölkerung, sondern es sind die oberen Schichten. Die Eliten Griechenlands sind in jeder Hinsicht bankrott: wirtschaftlich, politisch, ethisch. Mit diesen Menschen kann man einen Staat nicht führen, sie haben keine Visionen und keine Verantwortung. Doch sie kontrollieren die öffentliche Meinung vor allem durch die Medien. Dass Panik ausbricht, wenn man den Menschen laufend einbläut, ein Euro-Aus wäre die Katastrophe, ist also kein Wunder.

ZEIT ONLINE: Dann sind Sie mit Ihrer Meinung gar nicht so weit entfernt von konservativen Stimmen in Deutschland.

Lapavitsas: Das ist mir vollkommen egal. Jedenfalls würde es im Euro nur funktionieren, wenn wir erstens ein echtes Ende der Sparpolitik, zweitens einen Schuldenschnitt und drittens ein Programm für mehr Wachstum und Investitionen erreichen. Danach sieht es aber gerade nicht aus. Und das ist kein Kommunismus oder Bolschewismus, den ich fordere, sondern gemäßigte Wirtschaftspolitik im Sinne von John Maynard Keynes.

ZEIT ONLINE: Nun tragen Sie als Abgeordneter die politische Verantwortung. Was werden Sie und Ihre Parteifreunde tun?

Lapavitsas: Ich habe es eingangs gesagt. Wie will ein Syriza-Politiker vor seinen Wählern rechtfertigen, dass es nun doch weiterhin eine Immobiliensteuer gibt, neue Steuern auf Unternehmen, Erhöhungen der Mehrwertsteuer und so weiter? Wie soll das funktionieren? Ich bin nur ein einfacher Abgeordneter.