Roosevelt Island: Die kleine Insel auf dem East River, zwischen Manhattan und Queens, die selbst vielen New Yorkern kein Begriff ist, ist nicht zufällig gewählt. Der gerade mal 3,2 Kilometer lange Grünstreifen ist benannt nach Franklin D. Roosevelt, dem 32. Präsident der USA und einem der größten Helden der Demokraten. FDR steht für Hoffnung in Zeiten der Krise, für einen Mann an der Spitze, der trotz des persönlichen Reichtums die Mittelschicht Amerikas zum Kern seiner Amtszeit machte. Neben den Roosevelts sind die Clintons wohl das bedeutendste power couple in der Geschichte des Landes. Und Roosevelts Ehefrau und First Lady Eleanor war vor Hillary die wohl mächtigste Frau in Washington. Viel mehr Symbolik geht nicht.

Genau hier also versammelt Hillary Clinton am Samstag die New Yorker und die Zugereisten, um ihre erste große Rede zu halten, seit sie Mitte April per Videobotschaft offiziell ins Rennen um das Weiße Haus eingestiegen ist. Traf sie bislang in kleinen Runden und noch kleineren Orten den amerikanischen Durchschnittswähler, geht es hier um die großen Symbole, darum, ihre politische Aura auszuspielen. Es soll der wahre Auftakt von Hillary 2016 werden.

Die Bühne betritt sie nicht durch den Hintereingang, sondern bahnt sich ihren Weg durch die Menge und die brütende Mittagssonne. Zu sehen ist sie oft nur dank ihres tiefblauen Hosenanzugs. Der Kontakt zu den Menschen, das Persönliche, soll hier im Mittelpunkt stehen. Immer wieder erwähnt sie am Samstag ihre Mutter Dorothy, die sich, von den eigenen Eltern mit nur 14 Jahren im Stich gelassen, als Sekretärin durchschlagen musste, bevor sie ihren späteren Mann traf. 

Das taffe Schlachtross ist so 2008

Hillary Clinton versucht sich in diesen Wochen neu zu erfinden. Ihr Team weiß, dass das Image von 2008 im Amerika 2015 nicht mehr ankommt. Damals wurde sie als taffes Polit-Schlachtross verkauft, das in der Männerwelt von Washington mit seinen Hinterzimmern und Kaminrunden bestehen kann. Die vergangenen Wochen haben zudem Sympathien gekostet. In einer Umfrage des Senders CNN Anfang Juni gaben 57 Prozent der Befragten an, Clinton erscheine ihnen nicht vertrauenswürdig. Im März lag die Zahl noch bei 49 Prozent. Und mit 47 Prozent ist nur noch eine Minderheit der Amerikaner davon überzeugt, ihr liege wirklich etwas an den Belangen der einfachen Leute.

Jetzt geht es deshalb darum, sich in Nahaufnahme zu zeigen. Es dauert ein bisschen, bis Clinton in Schwung kommt. Ihre Bezüge auf die Vision Roosevelts, auf die Obama-Jahre und die Präsidentschaft ihres Mannes arbeitet sie ab, bevor es wirklich um sie geht. Danach aber wird der Auftritt vor dem New Yorker Publikum, das sie längst hinter sich hat, zu Clintons "Obama-Moment". Sie erzählt von ihrem Großvater, der über 50 Jahre in derselben Mine arbeitete, oder von der kleinen Druckerei ihres Vaters im Vorort von Chicago. Sie wird so persönlich, wie sie eben kann.

Wofür steht sie eigentlich?

Dass das nicht reicht, um es bis ins Oval Office zu schaffen, weiß ihr Team. Sie müsse überzeugend klarstellen, dass sie eine Vision und eine Motivation habe, die größer sei als ihre eigenen Ambitionen, so David Axelrod vor wenigen Tagen, ein früherer Berater Präsident Obamas. Clinton will die Gelegenheit nutzen, den Amerikanern sich und ihr Programm vorzustellen. Vielen ist noch immer nicht klar, wofür die ehemalige First Lady und Außenministerin eigentlich steht, außer für sich selbst.

Hier, im Four Freedoms Park, nach den vier Leitprinzipien des Präsidenten benannt, formuliert sie ihre eigenen Eckpunkte. Das amerikanische Volk, so Clinton, habe Opfer gebracht in den vergangenen Jahren. Jetzt sei es Zeit, ihnen etwas zurückzugeben. Sie greift die Republikaner und ihre politischen Ideale an, sie verspricht den Kampf gegen zu wenig Regulierung an der Wall Street und zu viele Löcher im Steuergesetz. Sie fordert das Ende der Kontrolle Washingtons durch Multikonzerne und Milliardäre. "Es gibt viele Stimmen im Chor der Republikaner", so Clinton mit einem Seitenhieb auf deren stetig wachsendes Kandidatenfeld. "Aber sie alle singen dasselbe Lied." Und dann zitiert sie Yesterday, den Beatles-Song über die Liebe zur Vergangenheit, einen Ort zum Verstecken vor den Problemen, die nicht in den Griff zu kriegen sind.

Sie macht sich die Themen zu eigen, vor denen die Konservativen zurückschrecken. Sie fordert gleiche Bezahlung für Frauen, die völlige Gleichstellung für Schwule und Lesben und eine Anerkennung illegaler Einwanderer. Sie spricht sich aus für allgemeine Gesundheitsvorsorge, bezahlte Krankheitstage und Erziehungsurlaub. Colleges sollen unter ihr wieder bezahlbar und die marode Infrastruktur im Land erneuert werden. Auch die großen Themen packt sie an: "Mein Ziel ist es, Amerika zur grünen Supermacht zu machen", sagt Clinton. Und kündigt im selben Atemzug neue Auflagen und Steuern für die Öl- und Kohleindustrie an. Sie malt das Bild eines Landes, das sich in Diplomatie und Zusammenarbeit übt.

Und dann erinnert sie immer wieder an den ganz eigenen Werdegang. Wie sie sich schon als Studentin für bessere Arbeitsbedingungen für Farmer einsetzte, deren Kinder sie betreute. Sie erwähnt ihren ersten Job für die Organisation Children Defense Fund und ihre Arbeit für Gefangene, die sich keinen Anwalt leisten konnten. Nicht die Jahre auf den Fluren Washingtons hätten sie geprägt, sagt Clinton, sondern die Gesichter und Geschichten der Menschen, die ihr auf dem Weg begegnet seien. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Ihr liegt mir am Herzen, es geht mir nicht um die Macht.

Die Symbolkraft der Wolken

Nur mit einem Blick über die Schulter Richtung One World Trade Center erinnert Clinton daran, dass sie schon im Zentrum der Macht war, als Amerika Bin Laden fasste. Sie weiß, dass das Land diese Seite von ihr kennt. Auch die Fehltritte der vergangenen Wochen und die persönlichen Misserfolge der vergangenen Jahre spricht sie an. Es seien zu viele, gibt Clinton zu, um sie hier aufzuzählen. Aber, so sagt sie auch, wahre Führungsstärke zeige sich, wenn man trotzdem weitermache.

Im Vorfeld hatten viele Wahlstrategen aus Clintons Team Sorge, die Veranstaltung könne für sie nach hinten losgehen. Die kleine Insel mit ihren 12.000 Bewohnern, auf der es nur einen U-Bahn-Stopp gibt und eine Tram, die kaum mehr als 100 Passagiere fasst, ist dem Ansturm kaum gewachsen. Die Hitzewelle über der Stadt macht das Warten für die Zuhörer fast unerträglich. Und zu allem Überfluss waren für den frühen Nachmittag Stürme und Gewitter angekündigt. Die Sicherheitsvorkehrungen verbieten Regenschirme. Auch bei den Bewohnern der Insel, die sich oft von der Stadt vernachlässigt fühlen, war die Stimmung durchwachsen. Eigentlich feiert die Insel an diesem Samstag zum 18. Mal ihr jährliches Nachbarschaftsfest. Viele hier fürchteten, das Fest könne im Ansturm der Clinton-Besucher untergehen. Und um das Clinton-Team im südlich gelegenen Four Freedoms Park unterzubringen, musste ein lange geplantes Kinderfest kurzfristig verschoben werden. Die dicken Wolken am Himmel, so die Befürchtung, könnten den Fernsehbildern zudem eine unerwünschte Symbolkraft geben.

Am Ende bleibt es trocken. Und es scheint tatsächlich, als bekämen viele hier – obwohl Clinton schon Jahrzehnte im Rampenlicht verbracht hat – zum ersten Mal einen Eindruck davon, wer sich da wirklich um das höchste Amt bewirbt. Ob die Gratwanderung zwischen Machtdemonstration und Nahbarkeit aufgegangen ist, werden die kommenden Wochen zeigen. Der Weg sei noch weit, sagt Clinton. Und versucht es dann noch einmal mit einem Witz. Selbst wenn sie es gemeinsam bis nach Washington schafften: Dass die Jahre im Amt nicht leicht würden, hätten die grauen Haare ihrer Vorgänger gezeigt. Immerhin das bleibe den Amerikanern in ihrem Fall erspart. "Ich färbe seit Jahren."