ZEIT ONLINE: Sie sind Abgeordneter der Russischen Duma im Exil. Nachdem Sie im April 2014 als Einziger gegen die Annexion der Krim gestimmt hatten, haben Sie gesagt, es gebe zwar Unannehmlichkeiten deswegen, Sie sähen aber keinen Grund, das Land zu verlassen. Jetzt wollen oder können Sie aber nicht mehr nach Russland?

Ilja Ponomarjow: Ich kann nicht. Als ich vergangenen Sommer im Ausland auf Reisen war, haben sie mir die Einreise verboten. Angesichts dessen, was mit anderen Oppositionellen geschieht, ist das noch eine relativ milde Art des Umgangs.

 ZEIT ONLINE: Mittlerweile hat man Ihnen die Abgeordneten-Immunität entzogen, und es läuft ein Strafverfahren gegen Sie.

Ponomarjow: Vergangenes Jahr gab es eine Zivilklage und nun ein Strafverfahren. Ich soll 750.000 Dollar zahlen. Das steht in Zusammenhang mit meiner früheren Arbeit für die Stiftung Skolkowo. Aber ich bin nicht besonders reich. Ich habe von dem Geld, das mir die Stiftung gezahlt hat, nicht gelebt, sondern damit Reisen und Veranstaltungen finanziert. Ich habe gleich nach dem ersten Urteil gesagt, dass ich nicht einverstanden bin, meine Schulden aber zahlen werde – und zwar von meinem Gehalt als Abgeordneter. Es hätte etwa ein Jahr gedauert. Als ich dann im Ausland war, hat das Gericht offenbar eine neue Order bekommen. Sie haben alle meine Konten gesperrt und mir verboten, die Grenze zu übertreten. Das ist möglich, weil ich diese Schulden habe. Außerdem haben sie meinen Mitarbeitern in Russland die Vollmachten für meine Konten entzogen. Alles ist eingefroren. Ich habe auch meine Wohnung verloren. Ich bin von allem abgeschnitten.

Die Duma hat mir die Immunität im Frühjahr dann fast einstimmig entzogen, nur Dmitrij Gudkow war dagegen. Anschließend wurde das Strafverfahren eröffnet.

ZEIT ONLINE: Mit der Anklage wurde auch angekündigt, bei Interpol einen internationalen Haftbefehl gegen Sie zu beantragen. Wird es für Sie auch außerhalb Russlands ungemütlich?

Ponomarjow: Ich werde auf keinen Fall stillsitzen, keine Aufmerksamkeit erregen und mich nicht bewegen, wie mir das viele raten. Ich möchte vielmehr, dass sich dieser Konflikt zuspitzt, sodass Interpol und die westlichen Staaten gezwungen sind zu entscheiden, ob sie bereit sind, mich an Russland auszuliefern. Wenn sie es nicht tun, dann wäre allen klar, dass diese Verfolgung politisch motiviert ist. Alle paar Tage wird in den russischen Medien berichtet, ich hätte im Westen politisches Asyl beantragt. Aber genau das will Putin meiner Meinung nach erreichen. Er möchte, dass ich aufhöre, russischer Politiker zu sein und unterschreibe, dass ich im Interesse der westlichen Staaten arbeite. Aber das will ich nicht.

ZEIT ONLINE: Ihr Mandat haben Sie noch. Was bringt das?

Ponomarjow: Das werde ich nicht kampflos aufgeben! Denn in der Duma gibt es nur noch sehr wenige vernünftige Leute. Genauer gesagt vier. Zwei davon schweigen, um keine Repressalien auf sich zu ziehen. Allein Gudkow spricht. Ich möchte mein Mandat allein deshalb nicht aufgeben, damit dort kein weiterer Trottel einzieht.

ZEIT ONLINE: Sie leben jetzt in Kalifornien?

Ponomarjow: Das kann man so nicht sagen. Ich habe nur Touristenvisa, muss also die ganze Zeit unterwegs sein. Ich verbringe zwar etwa die Hälfte meiner Zeit in den USA, aber mehr als ein halbes Jahr am Stück kann ich dort nicht sein.

ZEIT ONLINE: Und was tun Sie?

Ponomarjow: Ich arbeite mit Start-ups, die von den USA nach Europa wollen oder umgekehrt. Das ist eine Art Forschungstätigkeit, die mit dem Abgeordnetenstatus vereinbar ist. So etwas Ähnliches habe ich auch für die Skolkowo-Stiftung gemacht. Mit den Honoraren verdiene ich ein bisschen Geld – so viel eben erlaubt ist. In der Innovationsbranche wissen sie Bescheid darüber, was in Russland los ist. Und so hilft mir der eine mit einer Unterkunft, der andere mit einem Auto...

Dann habe ich ein strategisches Projekt und ein politisches. Strategisch versuche ich, der Ukraine bei Wirtschaftsreformen zu helfen, vor allem im Energiesektor. Damit kenne ich mich aus, ich war ja früher Vizepräsident von Jukos. Ich halte es für wichtig, dass Osteuropa beginnt, sein eigenes Gas zu fördern. Deshalb arbeite ich mit US-amerikanischen Unternehmen, die über Technologien zur Gasförderung verfügen. In den russischen Medien wird das natürlich so dargestellt, als würde ich den USA helfen, Widerstände zu brechen und sich diese Märkte zu erschließen. In Wirklichkeit ist es andersherum: Ukrainer und Polen suchen händeringend nach potenziellen Investoren, und es gelingt ihnen kaum, in den USA jemanden zu überzeugen. Meine Rolle ist es, den Investoren und den Regierungen zu erklären, wie es in Osteuropa funktioniert, und die Osteuropäer zu beraten, welche Gesetzesänderungen notwendig sind, damit die Investoren kommen.

Politisch arbeite ich mit der Stiftung Offenes Russland von Michail Chodorkowski. Ich arbeite mit der russischen Diaspora, die in den USA lebt. Bei allen Reformen in der Ukraine hat die ukrainische Diaspora eine Schlüsselrolle gespielt, sie war Motor bei der Orangenen Revolution und jetzt beim Maidan. Für Russland gibt es so etwas nicht. Die russische Diaspora ist weit verstreut und sehr disparat. Ich versuche, Mechanismen einzurichten, die es der Diaspora erlauben, am gesellschaftlichen und politischen Leben in Russland teilzunehmen; überhaupt zu verstehen, was in der Heimat geschieht. Um dann eine Vision von einer anderen Zukunft Russlands zu erarbeiten.

ZEIT ONLINE: Welche Vision haben Sie von Russlands Zukunft?

Ponomarjow: In den USA habe ich ein gutes Label für meine Ansichten gefunden: progressive libertarian. Meine Herangehensweise ist auf jeden Fall eine linke. Ich glaube, die Gesellschaft muss als ganze befreit werden. Wichtig ist die Minimierung des zentralen Staates, niedrige Steuern, maximale Freiheit für Eigeninitiative und zwar sowohl in klassischen wirtschaftlichen Unternehmen wie auch im sozialen Bereich.

Wir beobachten, wie eine neue soziale Klasse entsteht, in Russland nennt man sie kreative Klasse. Besser trifft es Start-up-Klasse. Sie ist die Avantgarde im Informationszeitalter. Für sie muss man sich einsetzen, das ist meine politische Aufgabe. Das habe ich bei Skolkowo getan, mit Technikparks in Nowosibirsk und in der Duma als Vorsitzender des Innovationskomitees.

Meine politischen Verbündeten sind dabei linke Parteien wie in Deutschland Die Linke. Ich finde auch die Piraten sehr interessant. Für mich sind das die ersten Vorboten eines künftigen politischen Systems. Eines Systems, das auf direkter Demokratie beruht, auf maximaler Dezentralisierung der Macht.

ZEIT ONLINE: Sind Sie sicher, dass Sie in Bezug auf Russland mit der deutschen Linken einer Meinung sind? Sie sind ja nicht gerade ein Putinversteher.