Die Russen halten Manöver in Sibirien ab, die Nato erprobt ihre neue "Speerspitze" im nordöstlichen EU-Raum. Militärische Muskelspiele begleiten die ukrainische Krise, von der gleichzeitig doch alle behaupten, dass es für sie keine militärische Lösung gebe. In West wie Ost kochen wieder Angstgefühle und Besorgnisse hoch, die seit dem Ende des Kalten Krieges vor 25 Jahren als überwunden galten.

Die Russen, die beim Zerfall der Sowjetunion ein Viertel ihres Staatsgebiets, die Hälfte ihrer Bevölkerung und einen beträchtlichen Teil ihres Reichtums verloren, fühlen sich in ihrem Stolz tief verletzt, dass sie nur noch als "Regionalmacht" abgestempelt werden. Das Vorrücken der Nato bis an ihre Westgrenze legt die russische Führung als Bedrohung aus, als unerträgliche Ausdehnung der westlichen Einflusssphäre bis an ihre Haustür.

Umgekehrt befürchtet der Westen, dass Putin sich in die Zaren-Rolle des "Sammlers russischer Erde" hineingesteigert hat und nun versucht, den einstigen sowjetischen Herrschaftsraum unter neuer Etikettierung wiederherzustellen. Die Annexion der Krim und danach die offene und verdeckte Unterstützung der ostukrainischen Separatisten haben diese Befürchtungen zusätzlich genährt. Die Sorge ist nicht gering, dass der Kremlherr auch vor der Nato-Grenze nicht Halt machen wird.

Geringe konventionelle Schlagkraft

Doch sollten wir uns weder selber verrückt machen noch verrückt machen lassen. Russland ist zwar immer noch eine nukleare Supermacht; sein Arsenal enthält 7.500 Kernwaffen (USA: 7.260). Aber diese taugen nur zur Abschreckung, nicht zur Kriegsführung, auch wenn Putin davon jetzt einen Teil modernisieren will, was im Übrigen ein ganz normaler Vorgang ist. Moskaus konventionelle Schlagkraft ist jedoch längst nicht mehr, was sie im Kalten Krieg war.

Damals hielt der Kreml vier Millionen Mann unter Waffen, heute sind es nur noch eine Million; nach Angaben des russischen Rechnungshofes sogar nur 766.000. Die Wehrpflicht ist geblieben, indes dauert sie nur noch ein Jahr. Die Rekruten sind schlecht ausgebildet und gelten als kaum kampftauglich. Leslie Gelb, jahrzehntelang in hohen Positionen im Pentagon und im State Departement, weist in einer neuen Studie darauf hin, dass das russische Heer zum größten Teil im Fernen Osten postiert ist. Weniger als 100.000 Mann dienten in Eliteeinheiten, davon allerdings viele im Wehrbezirk Süd; doch nur einige Zehntausend davon seien den Eliteeinheiten der Nato ebenbürtig.

Gelbs eindeutiger Schluss: "Im Sommer 2014 demonstrierte Russland seine Fähigkeit, 40.000 Soldaten an der ukrainischen Grenze zusammenzuziehen, darunter auch Elitetruppen. Während diese Anzahl ausreichte, die Ukraine zu bedrohen, hat sie für die Nato-Streitkräfte in Ost- und Mitteleuropa schwerlich eine Bedrohung dargestellt. Die russischen Streitkräfte haben nicht die zahlenmäßige Stärke, die Verbündeten oder das logistische Durchhaltevermögen, um die früheren Warschauer-Pakt-Staaten glaubhaft zu bedrohen. Es übersteigt daher die Vorstellungskraft, dass Moskau in diese Länder einmarschieren und sie zurückerobern wollte."

Die Putin-Biografin Fiona Hill teilt diese Ansicht. "Trotz allem Säbelrasseln", sagt sie, "wollen Putin und der Kreml keinen Krieg mit der Nato." Auch Dmitri Trenin, der Chef des Moskauer Carnegie-Zentrums, sieht die Lage gelassen: "Die baltischen Staaten und Polen sollten sich sicher fühlen. Russland will ihnen nicht ans Zeug."

Militärisches Denken darf die Diplomatie nicht überwuchern

Was aber, wenn der Kremlherr die Versuchung spüren sollte, nach dem Muster der Ukraine gegen weitere Staaten "hybride" Kriege zu führen?

Ihn davon abzuschrecken, war genau der Zweck der Nato-Übung "Noble Jump". Sie zeigte: Mit Putins "grünen Männchen" würde die Nato fertig.

Das musste dem Kremlherrn wohl einmal vor Augen geführt werden. Auch der amerikanische Plan, in den osteuropäischen Nato-Staaten Waffen und Gerät zu stationieren, ergibt unter diesem Aspekt wohl Sinn. Bloß darf das militärische Denken das diplomatische Handeln nicht überwuchern. Abschreckung und Eindämmung sind nur eine Seite der Medaille. Die andere – Staatskunst im klassischen Sinn – darf nicht leer bleiben. Der Grundsatz der Entspannungspolitik, wie sie Willy Brandt und Helmut Schmidt verfolgten, ist auch heute richtig: Rüsten und Reden.

Das erste Etappenziel muss jetzt sein, dass beide Seiten drei Schritte vom Rand des Abgrunds zurücktreten. Das zweite Ziel wäre dann, Minsk II zu verwirklichen – oder aber – wenn sich dies als nicht machbar herausstellen sollte –, den Ukraine-Konflikt einzufrieren, bis er sich auf die eine oder andere Weise erledigt. Das dritte Ziel freilich – auf einen Ausgleich mit Moskau hinzuarbeiten – braucht strategische Geduld. Vielleicht wird erst die nächste Generation diesen Ausgleich schaffen: wenn Chinas Expansionsdruck den Russen die Luft zum Atmen raubt.