"Den Konflikt im Sudan hat der Westen geschürt"

ZEIT ONLINE: Herr Lüders, seit Jahren wird Sudans Präsident Omar al-Baschir wegen Völkermordwürfen mit internationalem Haftbefehl gesucht. Nun war er zum Gipfeltreffen der Afrikanischen Union nach Südafrika gereist und bekam ein Ausreiseverbot verhängt. Wie konnte er dennoch entkommen?

Michael Lüders: Es hat offenbar eine Absprache der südafrikanischen Behörden mit der Regierung in Karthum gegeben. Die südafrikanische Regierung wollte sich offenbar aus übergeordneten politischen Gründen nicht mit dem Sudan anlegen. Obwohl ein klarer Rechtsbruch ist, dass man al-Baschir entkommen ließ.

 

ZEIT ONLINE: In Khartum wurde er nach Ankunft von seinen Anhängern feierlich begrüßt. Wie groß ist der Rückhalt, den er in seiner eigenen Bevölkerung genießt?

Lüders: Der Rückhalt schwindet, aber er ist immer noch sehr groß. Bei der vergangenen Präsidentenwahl wurde al-Baschir mit 94 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt, was auf Manipulation hindeutet. Al-Baschir ist ein Überlebenskünstler. 1989 putschte er sich an die Macht. Er herrscht seither mithilfe der Armee und der Geheimdienste.

Al-Baschir ist ein wenig charismatischer, aber sehr geschickter Strippenzieher. Er versteht genau, die verschiedenen Machtinteressen rivalisierender Stämme, Bevölkerungsgruppen, Armeezirkel und Großgrundbesitzer auszutarieren. Das erklärt seine Fähigkeit, zu überleben.

ZEIT ONLINE: Bild und Welt haben al-Baschir in den letzten Tagen immer wieder einen Schlächter und Völkermörder genannt. Ist das gerechtfertigt?

Lüders: Fest steht: Er gehört zu jenen arabischen Herrschern, die im Zweifel eher ihr eigenes Land zu Grunde richten würden, als freiwillig von der Macht zu lassen. Ungeachtet dessen werden solche Herrscher auch dämonisiert. Er ist zweifelsohne ein Kandidat für den Internationalen Strafgerichtshof.

Es wäre aber zu einfach, ihm den Konflikt in Darfur alleine anzulasten, der riesigen Provinz im Westen Nordsudans. Wegen des Konflikts zwischen rivalisierenden Stämmen sind nach Angaben der Vereinten Nationen etwa 2,7 Millionen Menschen auf der Flucht, etwa 230.000 Menschen starben. Diese Opfer gehen zu einem erheblichen Teil auf das Konto der Zentralregierung in Karthum. Aber das Regime ist nicht allein dafür verantwortlich, denn die Konflikte im Sudan sind komplex. Es geht meistens um die Verteilung von Bodenschätzen und Weidegründen, aber auch um ethnische Konflikte, vor allem zwischen den arabischen Sunniten im Norden und den nicht-arabischen Sunniten in den übrigen Landesteilen.

ZEIT ONLINE: Menschenrechtsorganisationen werfen al-Baschir eine ethnische Säuberung in Darfur vor. Al-Baschir argumentiert, dass eben jene Stämme, die von einer Säuberung betroffen sein sollen, die meisten Herrscher, die meisten Polizisten und Regierungsbeamte stellen. Ist das ein Argument?

Lüders:Omar al-Baschir und seine Leute kaschieren diese Konflikte sehr geschickt. Auch als Nord- und Südsudan noch ein Staat waren und der Norden gegen den Süden einen sehr opferreichen Krieg führte, hatten auch Vertreter aus dem Süden Führungspositionen in Karthum. Meistens waren das gekaufte Politiker, die aus taktischen Gründen vorübergehend Allianzen mit der Machtzentrale in Karthum eingegangen waren.

Dennoch ist klar, dass die Regierung versucht hat, auf terroristische Weise die nichtarabische Bevölkerung in die Flucht zu treiben, vor allem mit Hilfe der Dschandschawid-Milizen. Insofern sind al-Baschir und sein Regime im hohen Maß verantwortlich für die Konflikte der vergangenen 20 Jahre.

ZEIT ONLINE: Al-Bashir sieht sich als Opfer einer politischen Kampagne. Sie sei der Preis für seine antiamerikanische Außenpolitik. Gegen welche amerikanischen Interessen richtet sie sich?

Lüders: Sudan ist ein kompliziertes Land. Hier kreuzen sich geopolitische Rivalitäten von USA und China. Die Abspaltung des Südsudan von 2011, wo ausschließlich nicht-arabische schwarzafrikanische Stämme leben, ist das Ergebnis amerikanischer und europäischer Politik. Der Grund sind die reichhaltigen Erdölvorkommen im Südsudan, wo 70 Prozent der Ressourcen liegen. Seit der Spaltung ist das Staatsbudget des Nordens um 40 Prozent geschrumpft.

Dabei interessiert westliche Staaten nicht, dass der Südsudan ein gescheiterter Staat ist, in dem sich Bevölkerungsgruppen auf furchtbare Weise gegenseitig ermorden. Die USA und andere westliche Staaten versuchen, sich die Bodenschätze des Südens anzueignen. Diese können aber nur über den Norden exportiert werden, wo wiederum China großen Einfluss hat. Das macht den Konflikt so unendlich kompliziert. Den Konflikt zwischen Nord und Süd hat der Westen geschürt, um den Einfluss Chinas im Sudan zu begrenzen.

"Es fehlt Gerechtigkeit in der Verteilung von Macht und Ressourcen"

ZEIT ONLINE: Erstaunlicherweise erkennt al-Baschir die Abspaltung an. Gleichzeitig kritisiert er Salva Kiir, den Präsidenten Südsudans, dafür, dass er aus den USA bekanntgab, die Abtrennung zu unterstützen. Deutet das auf eine gesteuerte Spaltung aus Amerika hin?

Lüders: Es gab ganz eindeutig amerikanische Strippenzieher, die dafür sorgten, dass der Südsudan die jüngste Nation auf Erden werden konnte. Das Ergebnis aber ist leider verheerend: Denn die verschiedenen Stämme schaffen es nicht, sich auf eine friedliche Macht- und Ressourcenverteilung zu verständigen. Seither tobt ein auswegloser Krieg aller gegen alle.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen dabei die Waffenlieferungen aus dem Westen?

Lüders: Alle möglichen Waffenexporteure beliefern die Kriegsparteien im Norden wie auch im Süden. Das heizt den Konflikt immer wieder an. Der reiche Südsudan mit seinen Erdölvorkommen bietet genügend Gründe für Konflikte.

ZEIT ONLINE: Erschwerend kommt hinzu, dass beide Länder immer wieder von Hunger betroffen sind. Was erschwert noch den Kampf gegen Armut?

Lüders: Der Südsudan ist seit seiner Unabhängigkeit im dauernden Kriegszustand, sodass es keine wie auch immer geartete Entwicklung gibt, außer in Richtung Anarchie und Selbstzerstörung. Im riesigen Nordsudan gibt es wenig Kommunikation zwischen der Zentralregierung und den entlegeneren Landesteilen. Es gibt auch hier keine Politik, die Entwicklung fördern würde. Die Regierung versucht, insbesondere durch wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China, die Lage zu verbessern. Allerdings geht es sehr langsam voran.

Das Regime wird geführt von einer parasitären Klasse, die wie in den meisten anderen arabischen Regimen vor allem daran denkt, an der Macht zu bleiben und die eigene Klientel zu befriedigen.

ZEIT ONLINE: Der Krieg im Sudan wird immer wieder als Kampf der Kulturen bezeichnet. Ist das korrekt?

Lüders: Ich halte von solchen Begrifflichkeiten nichts, weil sie in der Regel über politische und wirtschaftliche Rivalitäten hinwegtäuschen. Die darf man nicht außer Acht lassen. Natürlich fühlten sich die südsudanesischen nicht-arabischen Stämme seit Jahrhunderten zu Recht von den arabisch-sunnitischen Stämmen im Norden unterdrückt. Schon vor der Kolonialisierung waren die Araber als Sklavenjäger im Süden unterwegs. Die Araber sahen die Schwarzen als minderwertig an.

Dennoch, hier herrscht keine kulturelle Dissonanz, sondern es fehlt Gerechtigkeit in der Verteilung von Macht und Ressourcen. Das betrifft aber nicht nur das Verhältnis von Arabern und Nicht-Arabern. Denn wir sehen im Südsudan, dass auch die afrikanischen Stämme selbst nicht dazu fähig sind, ihre Konflikte friedlich zu lösen.