ZEIT ONLINE: Erstaunlicherweise erkennt al-Baschir die Abspaltung an. Gleichzeitig kritisiert er Salva Kiir, den Präsidenten Südsudans, dafür, dass er aus den USA bekanntgab, die Abtrennung zu unterstützen. Deutet das auf eine gesteuerte Spaltung aus Amerika hin?

Lüders: Es gab ganz eindeutig amerikanische Strippenzieher, die dafür sorgten, dass der Südsudan die jüngste Nation auf Erden werden konnte. Das Ergebnis aber ist leider verheerend: Denn die verschiedenen Stämme schaffen es nicht, sich auf eine friedliche Macht- und Ressourcenverteilung zu verständigen. Seither tobt ein auswegloser Krieg aller gegen alle.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen dabei die Waffenlieferungen aus dem Westen?

Lüders: Alle möglichen Waffenexporteure beliefern die Kriegsparteien im Norden wie auch im Süden. Das heizt den Konflikt immer wieder an. Der reiche Südsudan mit seinen Erdölvorkommen bietet genügend Gründe für Konflikte.

ZEIT ONLINE: Erschwerend kommt hinzu, dass beide Länder immer wieder von Hunger betroffen sind. Was erschwert noch den Kampf gegen Armut?

Lüders: Der Südsudan ist seit seiner Unabhängigkeit im dauernden Kriegszustand, sodass es keine wie auch immer geartete Entwicklung gibt, außer in Richtung Anarchie und Selbstzerstörung. Im riesigen Nordsudan gibt es wenig Kommunikation zwischen der Zentralregierung und den entlegeneren Landesteilen. Es gibt auch hier keine Politik, die Entwicklung fördern würde. Die Regierung versucht, insbesondere durch wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China, die Lage zu verbessern. Allerdings geht es sehr langsam voran.

Das Regime wird geführt von einer parasitären Klasse, die wie in den meisten anderen arabischen Regimen vor allem daran denkt, an der Macht zu bleiben und die eigene Klientel zu befriedigen.

ZEIT ONLINE: Der Krieg im Sudan wird immer wieder als Kampf der Kulturen bezeichnet. Ist das korrekt?

Lüders: Ich halte von solchen Begrifflichkeiten nichts, weil sie in der Regel über politische und wirtschaftliche Rivalitäten hinwegtäuschen. Die darf man nicht außer Acht lassen. Natürlich fühlten sich die südsudanesischen nicht-arabischen Stämme seit Jahrhunderten zu Recht von den arabisch-sunnitischen Stämmen im Norden unterdrückt. Schon vor der Kolonialisierung waren die Araber als Sklavenjäger im Süden unterwegs. Die Araber sahen die Schwarzen als minderwertig an.

Dennoch, hier herrscht keine kulturelle Dissonanz, sondern es fehlt Gerechtigkeit in der Verteilung von Macht und Ressourcen. Das betrifft aber nicht nur das Verhältnis von Arabern und Nicht-Arabern. Denn wir sehen im Südsudan, dass auch die afrikanischen Stämme selbst nicht dazu fähig sind, ihre Konflikte friedlich zu lösen.