Das Papier ist 900 Seiten lang und soll Muslimen Argumente gegen Dschihadisten liefern. Der sunnitisch-pakistanische Islamgelehrte Muhammad Tahir-ul-Qadri hat das Curriculum gegen den Terrorismus am Vormittag in London vorgestellt. Die "Brutalität, Kriminalität und Gewalt" der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) sei unvereinbar mit dem Koran, sagte er und fordert eine "gezielte Zusammen- und Aufklärungsarbeit von muslimischen Gemeinden sowie Regierung, Universitäten, Schulen und Eltern". Nur so könne verhindert werden, dass sich immer wieder Europäer von der Ideologie faszinieren und vom IS rekrutieren ließen.  

Qadris Organisation Minhaj-ul-Quran hatte das Papier, über dessen Inhalt noch nichts bekannt ist, als "das wohl umfassendste Werk gegen den Terrorismus" gepriesen. Die Gruppe ist auch in Deutschland aktiv und setzt sich nach eigenen Angaben unter anderem gegen Extremismus und für interreligiösen Dialog ein.

Qadri hat Dutzende Fatwas und Bücher zum Thema Entradikalisierung und Terrorismusbekämpfung verfasst. Nun hat er alle Argumente auf Basis islamischer Quellen zusammengeführt. Als Curriculum sollen sie unter jungen Muslimen verbreitet werden, um sie "vor der Gehirnwäsche der teuflischen IS-Propaganda zu schützen", wie er sagt.

Nach Schätzungen des britischen Außenministeriums sollen sich mittlerweile mehr als 700 Briten der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen haben. Angesichts dieser Zahl, meist sind es Jugendliche, müsse man endlich schulpädagogisch aktiv werden, sagt Qadri. In einem Interview mit dem britischen Radiosender LBC hatte er vor Kurzem gefordert, das Papier solle als verpflichtender Teil der religiösen Ausbildung in allen Moscheen eingeführt werden. 

Fünf Jahre hat er für das Papier gebraucht. Die Resonanz unter Muslimen sei durchgehend positiv, sagt er. Das Curriculum werde von Hunderten in Großbritannien ansässigen Imamen, Moscheen und muslimischen Organisationen unterstützt – die größte islamische Vereinigung, der Muslim Council of Britain, dem 500 Islamverbände angehören, äußert sich allerdings mit keinem Wort dazu.

Qadri will als Islamgelehrter berühmt werden

Seine Organisation bezeichnet Qadri als "Mainstream-Gelehrten" und als eine "weithin anerkannte Autorität des Islam". Der seit 2006 in Kanada lebende Muslim war allerdings bis vor wenigen Jahren noch eine relativ unbekannte Figur in der islamischen Welt. Immer wieder hatte er versucht, Ruhm zu erlangen. 2010, zum Beispiel, als er eine Fatwa gegen Selbstmordattentäter erteilte, die er als Ungläubige und Feinde des Islam bezeichnet. Erst als er Anfang 2013 zum Anführer einer Revolutionsbewegung wurde, die den politischen Islam in Pakistan mittels Druck der Straße durchsetzen wollte, gelang es ihm, seinen Bekanntheitsgrad auch in der Islamischen Welt zu steigern.

Inspiriert durch den "Arabischen Frühling" organisierte er eine Sitzblockade im pakistanischen Regierungsviertel, begleitet von Rücktrittsforderungen an den Premier Nawaz Sharif. Hunderttausende strömten zu seinen Kundgebungen. Im Oktober 2014 musste er jedoch seinen Protest wegen fehlender Perspektiven und der Hartnäckigkeit der Regierung erfolglos abbrechen und sich aus der pakistanischen Politik zurückziehen.

Nun versucht er, auf einem anderen Weg Aufmerksamkeit zu bekommen.