Kampfjets fliegen durch den Luftraum im Grenzgebiet zwischen der Nato und Russland, mit ausgeschalteten Transpondern, sodass sie nicht geortet werden können. Maschinen aus Ost und West liefern sich Scheingefechte. Der Konflikt zwischen dem Westen und Russland verschärft sich: In Moskau lässt Präsident Wladimir Putin während einer Parade einen neuen Panzertyp rollen, der den Konkurrenzmodellen aus dem Westen überlegen sein soll. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in Europa bringen mehrere Tausend Soldaten samt Kriegsgerät nach Osteuropa für große Manöver. Und in der Ukraine bekämpfen sich die Truppen der prowestlichen Regierung und die von Russland aufgerüsteten Rebellen erneut mit schweren Waffen. Moskau droht damit, sein Atomwaffenarsenal aufzubauen.

Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) warnte jüngst vor einem neuen Kalten Krieg. Der diplomatische Konflikt zwischen Ost und West führt zu einem Aufrüsten in Europa: Sowohl die Nato-Staaten als auch Russland investieren Milliarden in neue Waffen. Davon profitiert die deutsche Rüstungsindustrie. Der Wehretat der Bundesrepublik wurde erhöht, die Zahl der Kampfpanzer steigt um 100 auf rund 330: Bereits ausgemusterte Leopard 2 werden nun von der Industrie modernisiert.

Für rund 620 Millionen Euro orderte das Verteidigungsministerium weitere Boxer-Transportfahrzeuge. Die Bundeswehr soll zudem Mehrzweckkampfschiffe und das Luftverteidigungssystem Meads erhalten. Dafür investiert die Regierung mehr als acht Milliarden Euro. Weitere Bestellungen bei den Rüstungskonzernen zwischen Flensburg und Bodensee dürften folgen. Der neue Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels (SPD) forderte angesichts der Ost-West-Spannung eine weitere Aufrüstung der Truppe.

Die großen deutschen Waffenhersteller haben darauf bereits reagiert. Jüngst präsentierten verschiedene Konzerne erste Entwürfe für einen neuen Kampfpanzer, eine Antwort auf die russische Entwicklung T-14 Armata. Deutschland und Frankreich wollen ihren neuen Panzer gemeinsam entwickeln: Krauss-Maffei Wegmann mit Firmensitz in München und Nexter, ein französischer Konkurrent, verhandeln momentan über eine Fusion, im Juli soll ein Vertrag unterzeichnet werden. Der neue Konzern dürfte den Entwicklungsauftrag für den neuen Kampfpanzer erhalten, der bei der Bundeswehr als Leopard 3 eingeführt werden soll.

Und auch bei den Nachbarn Russlands, die sich vor weiteren Annexionsplänen Moskaus fürchten, steigt das Interesse an Waffen "Made in Germany". Das zeigen der Rüstungsexportbericht der Bundesregierung, der am heutigen Mittwoch vom Kabinett genehmigt und vorgestellt wird sowie weitere Ausfuhrzahlen für das erste Quartal 2015, die ZEIT ONLINE vorliegen.

Rüstungsexporte in die Ukraine nahmen um mehr als 420 Prozent zu

Zwar gehen die deutschen Rüstungsausfuhren insgesamt deutlich zurück von fast sechs (2013) auf rund vier Milliarden Euro (2014). Gleichzeitig nehmen die deutschen Exporte an Polen und die Ukraine aber deutlich zu: Die Rüstungsausfuhren nach Polen stiegen von 43 Millionen Euro im Jahr 2013 auf 56 Millionen in 2014. Die Exporte in die Ukraine nahmen sogar um mehr als 420 Prozent zu: Im vergangenem Jahr genehmigte Deutschland den Export in Höhe von 25,4 Millionen – 2013 waren es nur 4,8 Millionen. In diesem Jahr könnten mehrere Großaufträge aus Osteuropa auf die deutsche Rüstungsindustrie zukommen.

Polen will weitere Kampfpanzer vom Typ Leopard2 A5 in Deutschland beschaffen. Der Panzer wird von den Unternehmen Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall hergestellt. Vermutlich strebt Polen die Modernisierung von ausgemusterten Leoparden an. Die Bundesregierung hat allerdings kaum ausgediente Panzer abzugeben, da sie einen steigenden Eigenedarf an den schweren Kettenfahrzeugen ausgemacht hat. Das deutsche Verteidigungsministerium wurde dennoch von Polen bereits um Unterstützung bei dem Deal gebeten. Zudem plant die Regierung in Warschau die Anschaffung von neuen Kampfhubschraubern, Transporthelikoptern und Tankflugzeugen.

Die Regierung in Warschau hat bereits eine Vorauswahl bei den Hubschraubern getroffen: der von Airbus produzierte Helikopter H225M Caracal habe die besten Chancen, sagten polnische Offizielle. An Airbus ist der deutsche Staat beteiligt, das Unternehmen produziert auch in der Bundesrepublik. Bis zu 50 Maschinen will Polen ordern für rund 3,1 Milliarden Euro. Airbus könnte zudem von einem weiteren Auftrag mit polnischer Beteiligung profitieren. Das Land plant gemeinsam mit den Niederlanden und Norwegen, drei oder vier A330 MRTT zu ordern – wenn der europäische Konzern ein gutes Angebot mache, berichtete das Rüstungsfachblatt Jane’s Defence Weekly.

Die Exporte nach Polen dürften weiter steigen. In diesem Jahr genehmigte die Bundesregierung bereits die Ausfuhr von Gefechtsköpfen für Raketen, Treibladungen für Artilleriemunition, Granatmaschinenwaffen und Munition. Im ersten Quartal 2015 hat die Bundesregierung dafür Ausfuhrgenehmigungen in Wert von fast 23 Millionen Euro erteilt.

Russland soll nicht provoziert werden

Die Ukraine erhielt aus Deutschland vor allem Schutzausrüstung für ihre Soldaten. 40.000 Helme und 20.000 ballistische Schutzwesten sowie Einschübe dafür dürfen deutsche Firmen an die Regierung in Kiew  für rund 24 Millionen Euro liefern. Sie kann damit mehrere Großverbände ihrer Armee für den Kampf gegen die Separatisten ausrüsten. Die Bundesrepublik unterstützte die Ukraine zudem mit Trainern: Deutsche Soldaten schulen das Militär des Bürgerkriegslandes. 66 Ausbildungsmaßnahmen durch Experten der Bundeswehr fanden seit April 2014, dem Beginn der Krise, statt. So wurden Einsatzführer und Bataillonskommandeure der Fallschirmjäger, Aufklärer, Artillerie und Jäger trainiert.

"Im Rahmen der Militärischen Ausbildungshilfe (MAH) sind Angehörige der ukrainischen Streitkräfte an den Hand- und Panzerabwehrwaffen sowie dem Großgerät der jeweiligen Truppengattung / Verwendungsreihe ausgebildet worden", teilt die Bundesregierung mit. Solche Waffen würde die Ukraine wohl auch gern aus Deutschland erhalten – bislang ist die Bundesregierung aber mit Rüstungslieferung an Kiew vorsichtig. Russland soll dadurch nicht provoziert werden.