Michael Thumann ist Außenpolitischer Korrespondent der ZEIT. © Nicole Sturz

Russland rüstet auf. Auf einer Militärausstellung in Moskau hat Präsident Wladimir Putin Mitte der Woche angekündigt, er wolle 40 hochmoderne neue Interkontinentalraketen zu Moskaus großem Arsenal hinzufügen. Als Erklärung schob die russische Regierung hinterher, dies sei eine Reaktion auf die noch lange nicht beschlossenen amerikanischen Pläne, schwere Waffen in den ost-/mitteleuropäischen Nato-Staaten zu stationieren.

Das ist eine Ausrede. Die Modernisierung der russischen Atomstreitkräfte ist seit Jahren im Gange; diese vierzig zusätzlichen Raketen waren lange geplant. Das könnte Moskau einfach sagen. Stattdessen aber bemüht das Verteidigungsministerium die alte Leier von einem Wettrüsten, das nur existiere, weil die USA aggressiv gegen Russland rüsteten und es von allen Seiten einkreisten.

Dieses Argument könnte schnell als Propagandamanöver beiseitegelegt werden. Leider aber verfängt der Trick auch jenseits von Russland. Und da liegt das Problem.

In Deutschland wird der Vorwurf an die USA fleißig wiederholt. Vor allem von den Linken, aber auch von Wirtschaftskreisen, die in Russland trotz Krise gute Geschäfte machen. Es erstaunt, dass Russland aufrüstet, die Krim annektiert, die Ukraine mit einem Abnutzungskrieg ruiniert – und trotzdem weiter als das Opfer gilt. Das ist ein Kurzschluss, der Folgen hat für die deutsche Bereitschaft zur Solidarität innerhalb der Nato.

Vor einer Woche veröffentlichte das Pew Research Center eine Umfrage, nach der nur 38 Prozent der Deutschen im Bündnisfall dafür wären, einem angegriffenen Nato-Staat militärische Hilfe zu leisten. 58 Prozent wären dagegen. Besonders gering ist die Bündnissolidarität in Ostdeutschland. Das bedeutet im Klartext, dass Deutschland mental innerhalb der Nato nur bedingt einsatzbereit ist. Dieser Befund ist jedoch mit einem Paradox verbunden: Im Falle eines Angriffs auf Mitteleuropa und Deutschland erwarten 68 Prozent der Deutschen, dass die Amerikaner uns beistehen.

Ein Bündnis ohne gegenseitige Hilfeleistung ist kein Bündnis

Die Deutschen wollen also in ihrer Mehrheit nicht anderen helfen, aber erwarten selbst Hilfe vom großen Bruder jenseits des Atlantik. Das ist eine frappierende strategische Verwirrung und legt zugleich ein erhebliches moralisches Defizit offenbar. Die Balten sind uns nicht wert, was wir den Amerikanern wert sein sollen?

Einigen Deutschen scheint es an Klarheit des Denkens zu fehlen. Ein Bündnis, in dem man sich nicht gegenseitig verteidigt, ist kein Bündnis. Ein Land, das sich nicht allein verteidigen kann, ist aber auf ein Bündnis angewiesen. Deutschland kann sich nicht verteidigen. Weil es bei der Rüstung seit Jahrzehnten spart und auf Arbeitsteilung in der Nato setzt. Die gesamte Logik des geplanten pooling and sharing der Bündnispartner folgt diesem Gedanken: Die Deutschen haben keine Atomraketen, aber die Amerikaner und Briten, die Holländer schaffen die Panzer ab, weil wir sie haben. Ohne absolute Solidarität ist das nicht zu haben.

Und die wird gebraucht. Putins Russland rüstet die Armee nicht erst seit der Ukraine-Krise auf, sondern seit mehr als einem Jahrfünft. Die vierzig neuen Atomraketen sind nur Teil eines längerfristigen Programms, das gemäß der Moskauer Militärdoktrin den Schwerpunkt der Selbstverteidigung von konventioneller Rüstung auf atomare Waffen verschiebt. Das ist eine bedrohliche Entwicklung für die unmittelbaren Nachbarn wie Polen und Balten – und für die ganze Nato.

Die Kanzlerin, der Außenminister und die Verteidigungsministerin haben deutliche Worte für den russisch-ukrainischen Krieg gefunden. Es wäre an der Zeit, dass sie sich ebenso deutlich über die deutschen Aufgaben in der Nato äußern. Absolute Solidarität der Bündnispartner gehört dazu. Nicht umsonst hat in dieser Woche die Übung Noble Jump über die schnelle Verlegung von Nato-Truppen im Ernstfall stattgefunden. Wer Hilfe erwartet, muss sie auch leisten wollen. Das muss die Bundesregierung ihren Bürgern sagen – so klar, dass es niemand überhören kann.