"Flüchtlingen wäre nicht damit geholfen, in Spanien aufgenommen zu werden, wenn sie dann keine Arbeit bekommen." Mit der hohen Arbeitslosenquote im Land begründete Außenminister José Manuel García-Margallo sein Nein zur EU-Flüchtlingsquote. Die jüngsten Pläne aus Brüssel wirken störend auf die erfolgreiche spanische Abschottungspolitik: zehnmal mehr Asylbewerber als bisher – unzumutbar.

Bisher geht in Spanien nur ein Prozent aller Asylanträge in EU-Ländern ein, im Jahr 2014 laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR 5.900. In Italien waren es zur selben Zeit 64.000, in Deutschland 173.000, oder anders gerechnet: in Italien zehnmal mehr pro 1.000 Einwohner, in Deutschland sogar 20 Mal mehr.

Ganz anders stellt sich die Situation dar, wenn man den Worten des Finanzministers Cristóbal Montoro glauben darf. Der hatte nämlich am selben Tag, an dem die EU-Quotenpläne bekannt wurden, ein spanisches Wirtschaftswunder verkündet. Das derzeit größte Wachstum in der EU und die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen machten Spanien zum Zugpferd Europas. Damit widerspricht der Finanzminister dem Außenminister. In diesem Jahr sind Parlamentswahlen in Spanien, vor diesem Hintergrund sind Übertreibungen in die eine oder andere Richtung vielleicht nicht ungewöhnlich.

Arbeit, die spanischen Landarbeitern zu schlecht ist

Ein genauerer Blick auf die spanische Asyl- und Zuwanderungspolitik zeigt aber gleich den nächsten Widerspruch, wenn das Argument die hohe Arbeitslosenquote sein soll. Seit 2000 schon betreibt der Mittelmeerstaat eine gezielte Gastarbeiteranwerbung, ähnlich der Gastarbeiterpolitik der fünfziger und sechziger Jahre in Deutschland. Vorzugsweise aus Marokko, aber auch aus Ländern südlich der Sahara werden Saisonarbeiter für die Intensivlandwirtschaft ins Land geholt. Sie sollen im Gemüsegarten Europas für Billiglöhne und unter widrigen Bedingungen die Arbeiten übernehmen, die spanische Landarbeiter zu den gebotenen Konditionen schon lange nicht mehr machen würden. Nach der Saison kehren sie in ihre Herkunftsländer zurück, legt ihr Vertrag fest.

Eine Studie der Migrationssoziologin Katja Lindner von 2014 zeigt das Ausmaß der zeitlich begrenzten Arbeiterrekrutierung für den Landwirtschaftssektor. In den Jahren 2007 und 2008 kamen zwischen 30.000 und 50.000 staatlich rekrutierte Saisonarbeiter nach Andalusien. Zum Jahreswechsel 2011/12 hielten sich laut Einwohnermeldeamt 155.000 Migranten mit regulärem Aufenthaltsstatus allein in Almería auf und machten damit rund 22 Prozent der lokalen Bevölkerung aus. In Sachen EU-Quote wehrt sich Spanien unterdessen vehement gegen einen Flüchtling pro 1.000 Einwohner. Dieser eine Flüchtling ist unbequem, denn er arbeitet nicht und bleibt im Land.

Die zirkuläre Migration hingegen wird als Win-win-win-Situation verkauft: Die spanische Landwirtschaft profitiert durch billige Arbeitskräfte ohne Folgekosten; die Saisonarbeiterin profitiert durch einen Lohn, der achtmal höher liegt als beispielsweise in Marokko; und das Herkunftsland profitiert, weil die Arbeitsmigration einen positiven und damit geradezu entwicklungspolitischen Effekt auf die wirtschaftliche Entwicklung dort hat – so werden jedenfalls die bilateralen Abkommen mit überwiegend afrikanischen Staaten begründet.

Am liebsten Mütter aus Rumänien, deren Kinder zu Hause warten

Tatsächlich gibt es nur einen Gewinner: die spanische Wirtschaft. Das zeigen die Entwicklungen der vergangenen 15 Jahre in der Region. Als sich die marokkanischen Landarbeiter mit Unterstützung von Gewerkschaften und Migrationsorganisationen gegen die prekären Arbeits- und Lebensbedingungen zu wehren begannen, kam es zu pogromartigen Auseinandersetzungen mit spanischen Landwirten. Viele Marokkaner versuchten ihrer Situation zu entkommen, indem sie nach Erhalt der Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung aus dem Sektor und aus der Provinz abwanderten.

Verträge legen daher mittlerweile fest, dass staatlich rekrutierte Arbeitskräfte weder die Arbeit noch die Arbeitgeberin noch den Sektor oder die Provinz wechseln dürfen. Viele taten es dennoch und wurden so zu irregulären Migranten, die nicht mehr in ihr Herkunftsland zurückkehrten. Also ersetzte man sie kurzerhand durch rumänische und später auch marokkanische Frauen, die ihre minderjährigen Kinder im Heimatland zurücklassen mussten. Die Rechnung ging auf: Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen kamen Mütter ihrer Rückkehrverpflichtung nach erfüllter Arbeit sehr viel häufiger nach.

Seit einigen Jahren sind auch subsaharische Afrikaner gern gesehene Saisonarbeiter in Andalusien. "Arbeitsam", "keine Konflikte", "bescheidener Lebensstil" sind nach Lindners Studie die Attribute, die Landwirte an ihnen schätzen. Diese Gruppe habe die wenigsten Probleme, sich an Hungerlöhne und miese Wohnverhältnisse – teilweise in Hütten ohne Strom und Wasser – anzupassen.

Ihnen verdanken die spanischen Landwirte ihren sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg zu Unternehmern. Auch spanische Landarbeiter zählen zu den Profiteuren der Arbeitsmigration, sie stehen nicht mehr auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie. Eine Zukunftsperspektive in Spanien hat das den Migranten auf Zeit nicht eingebracht.

Den so streng reglementierten und ausgeklügelten Kreislauf der Arbeitsmigration würde eine Flüchtlingsquote nur aus dem Gleichgewicht bringen.