In Zeiten, in denen die Terrormiliz IS den halben Nahen Osten überrennt und islamistische Gruppierungen wie Boko Haram im westlichen Afrika Angst und Schrecken verbreiten, gilt das Postulat eines allmächtigen Terrorismus fast schon als Binsenweisheit. Der Global Terrorism Index der Universität Maryland verweist auf 48.000 "terroristische Ereignisse" seit 2001 mit mehr als 100.000 Todesopfern. Nicht von Ungefähr daher warnt die Nationale Sicherheitsstrategie des Weißen Hauses vor der "anhalten und direkten Bedrohung des Terrorismus". Auch das in Überarbeitung befindliche deutsche Weißbuch Sicherheitspolitik beschreibt den internationalen Terrorismus als "zentrale Herausforderung" für Frieden und Sicherheit.

Insbesondere seit den Terroranschlägen von 9/11 ist dabei offensichtlich, dass terroristische Anschläge nicht nur die globale politische Agenda beeinflussen, sondern auch gravierende Auswirkungen auf die innenpolitische Entwicklung in westlichen Ländern haben. Schließlich haben Regierungen immer wieder mit der Einschränkung bürgerlicher Freiheiten auf Terrorakte und die Verunsicherungen ihrer Bevölkerungen reagiert – zuletzt durch die Verabschiedung des USA Freedom Act im US-Kongress. Also: Terrorismus wirkt, oder?

"Im Gegenteil", meint Professorin Page Fortna von der Columbia University. "Wahllose Angriffe gegen Zivilisten sind Furcht erregend, aber nicht effektiv." Zumindest nicht, wenn man unter Effizienz das tatsächliche Erreichen politischer Ziele verstehe, denen sich die Terrorgruppen verschrieben haben. Fortnas Urteil ist keine Spekulation, sondern beruht auf einer umfassenden Studie, die die Professorin jetzt im amerikanischen Fachblatt International Organization vorgelegt hat. Das Neue an ihrem Ansatz: Die Terrorexpertin hat erstmals Anliegen, Methoden und Erfolg von Terrorgruppen im Vergleich zu militanten, aber eben nicht terroristischen Gruppen untersucht. Hierzu hat Fortna das Verhalten von insgesamt 104 militanten Rebellengruppen ausgewertet, die zwischen 1989 und 2004 in bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen verstrickt waren. Das Spektrum reichte von Afghanistan über Sri Lanka bis nach Kolumbien, Bosnien und den Philippinen.

Die Kernfrage der Untersuchung: Welchen Einfluss hat die Verwendung von spezifisch terroristischer Gewalt auf die Erfolgsaussichten von Bewegungen wie Hisb-i-Islami, Abu Sayyaf, Hamas oder Farc? Dabei ist sich die Autorin der Komplexität des Untersuchungsgegenstands durchaus bewusst. Schließlich gilt des einen Freiheitskämpfer anderen nicht ganz zu Unrecht als Terrorist. Die Wissenschaftlerin setzt auf eine pragmatische Definition und versteht Terrorismus als "systematische Kampagne unterschiedsloser Gewalt gegen zivile Ziele".

Dieser Ansatz und der globale Fokus sind durchaus sinnvoll. Denn anders als in der verbreiteten westlichen Wahrnehmung wird der größte Teil terroristischer Anschläge eben nicht von Einzeltätern in westlichen Kapitalen verübt, sondern von regionalen Akteuren in Bürgerkriegsgebieten Afghanistans, Syriens, Pakistans, des Iraks oder Nigerias.

Der Fokus auf vier Kontinente und dort ausgefochtene Bürgerkriege ermöglicht der Forscherin den entscheidenden Kunstgriff, die Erfolgsbilanz verschiedener Akteure in ein und derselben Konfliktsituation vergleichen zu können. Hierzu entwickelte Fortna ein Bewertungsraster für den Konfliktausgang. Auf einer Skala bewertete sie den Verlauf eines jeden Kampfes vom "Sieg der Regierung" über "anhaltende Gewalt" bis hin zu einem "Friedensabkommen" und dem "Sieg der Rebellen".

Strategische Nachteile

Das Ergebnis der Untersuchung ist eindeutig: Die Verwendung terroristischer Gewalt reduziert die Aussichten auf eine siegreiche Rebellenkampagne auf nahezu null. Zugleich aber verringern terroristische Methoden auch die Chancen auf ein verhandeltes Friedensabkommen mit Zugeständnissen der Gegenseite. "Keine der hier untersuchten Gruppen, die durch gezielte Terroroperationen große Zahlen an Zivilisten getötet haben, konnten den Kampf für sich entscheiden", heißt es in der Studie. "Die kurze Antwort auf die Frage 'Können Terroristen gewinnen?' lautet also 'Nein'". Zwar blieben Terrorattacken eine kostengünstige Art, dem Gegner Schmerz zuzufügen und Aufmerksamkeit zu generieren, doch diese taktischen Vorteile verwandeln sich in strategische Nachteile. Warum? "Weil es in jedem Bürgerkrieg zum großen Teil um die Frage der Legitimität geht", erläutert Fortna. "Das sind die sprichwörtlichen Hearts and Minds der Bevölkerung –Terrorismus schadet da nur."

Bleibt die Frage, weshalb bewaffnete Gruppen dennoch weiterhin auf die Anwendung terroristischer Gewalt setzen. Auch hier liefert die Untersuchung Antworten. Denn obwohl die Anwendung terroristischer Gewalt ihren Urhebern nicht zum Triumph verhilft, kann sie zumindest die Terrororganisation selbst stärken und ihr "organisationelles Überleben" sichern, zeigt Fortna. "Die Hauptlehre meiner Studie ist deshalb, dass wir uns eher weniger vor dem potenziellen Sieg terroristischer Gruppen wie IS und Boko Haram fürchten sollten", erklärt sie. Doch etwas anderes sei problematischer. Denn Terror heize kriegerische Auseinandersetzungen zugleich derart auf, dass diese im statischen Vergleich deutlich länger dauern als andere Konflikte. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der anhaltenden militärischen Auseinandersetzungen mit dem "Islamischen Staat", Boko Haram und Al-Kaida sind das nicht gerade optimistische Aussichten. Denn Fortna warnt: "Eine weitere Lehre meiner Arbeit ist, dass die aktuellen Kriege andauern werden. Wir werden die Terrorgruppen auch auf lange Sicht nicht loswerden."