Am Morgen nach der Parlamentswahl ist es genau so, wie sich Recep Tayyip Erdoğan das gewünscht hatte – und doch ganz anders: Ja, eine "Neue Türkei" ist erwacht, so wie der Präsident und seine AKP es wollten. Aber es ist nicht die ihres Triumphs, sondern die ihrer Niederlage. Die "Neue Türkei" wird erstmals seit 13 Jahren nicht mehr allein von der AKP regiert werden.

Der Schock ist zu sehen und zu hören. Zu sehen schon am späten Wahlabend, in den Gesichtern der vielen Minister. Da stehen sie auf dem Balkon, aufgereiht und mit bedröppelten Gesichtern, während vor ihnen ihr Ministerpräsident auf und ab läuft. Ahmet Davutoğlu hält in dieser Nacht eine merkwürdige Rede. Er feiert seine Partei als Wahlsieger, er ruft: "Unsere Bürger können wie immer mit Vertrauen in die Zukunft blicken, denn die AKP ist das Rückgrat des Volkes." Das ist einerseits richtig, weil keine andere Partei so viele Stimmen geholt hat und so gleichmäßig stark ist im ganzen Land. Die AKP bleibt die einzige echte Volkspartei.

Andererseits ist sie doch so weit weg von den nun wirklich drängenden Fragen. Man kann das auch im verhaltenen Applaus der AKP-Anhänger bei Davutoğlus Balkonauftritt erkennen. Wie geht es nun weiter, da die Partei erstmals nicht alleine regieren kann?

Noch deutlicher als in den Gesichtern der Minister und der anachronistischen Rede des Premiers ist der Schock über das Ergebnis zu erkennen im dröhnenden Schweigen des Präsidenten. Den ganzen Abend kein Wort von Erdoğan. Kein Auftritt, kein Zitat. Nichts zu hören vom notorischen Dauerredner, der ständig Mikrofone in der Hand hat, oft mehrere Reden täglich hält. Erdoğan, dessen live übertragene Auftritte in einer Woche im Mai allein 40 Stunden des Programms eines staatlichen Senders ausmachten – auch er muss sich nach diesem Ergebnis erst einmal sortieren.

Die regierungsfreundlichen Zeitungen aber können nicht schweigen, sie müssen ja etwas drucken auf ihre Titelseiten. "Harte Zeiten" titelt die Star, "Kein Sieger an der Wahlurne" heißt es bei der Sabah, und die Yeni Şafak ist sich schon sicher: "Neuwahlen" steht bei ihr groß auf Seite eins. Bei der Takvim empört man sich, in der Überschrift zu einer internationalen Presseschau: "Politische Unsicherheit hat den Appetit der westlichen Medien geweckt!"

Am Mittag dann äußert sich Erdoğan doch, auf seiner Website. Knapp, aber bemerkenswert versöhnlich. Er hoffe, die Ergebnisse werden "gut für unser Land sein". Und weiter: "Der Wille des Volkes steht über allem." Er vertraue nun darauf, "dass alle Parteien die Ergebnisse realistisch und vernünftig einordnen werden".

Fehleranalyse? Noch zu früh

Das Regierungslager kann sich seine Niederlage bisher nicht erklären. Im Vorhinein hatte die AKP einfach all ihre Konkurrenten, Kritiker und Gegner in einen Topf geworfen. Ob die kemalistische CHP, die prokurdische HDP, ausländische Medien und Firmen, die Anhänger des gegnerischen Predigers Fethullah Gülen oder auch militante kommunistische Splittergruppen: Sie alle waren aus Regierungssicht Teil einer großen Verschwörung gegen die Türkei. Bleibt die Erdoğan-Partei nun bei dieser eskalierenden Rhetorik, wenn doch offensichtlich die Mehrheit der eigenen Bürger selbst ins Lager der Verschwörer gewechselt ist? Oder folgt eine ehrliche Analyse der eigenen Fehler? Dabei dürfte es dann nicht nur um die wirtschaftlichen und außenpolitischen Probleme des Landes gehen, die vielen Türken zu schaffen machen, sondern auch um die Rolle des Präsidenten.

Im Frühjahr schon hatte sich angedeutet, dass nicht alle in der Partei einverstanden sind damit, wie Erdoğan mitregiert, obwohl er nicht mal mehr Regierungsmitglied und schon gar nicht Parteivorsitzender ist. Die Austritte mehrten sich, und erstmals war leise Kritik zu hören.