Die Stadt, die sonst eher nicht für ihr schillerndes Nachtleben bekannt ist, dreht durch: Junge Männer und Frauen liegen auf Fronthauben, stehen auf dekorierten Taxis, hängen aus Autofenstern, schreien, halten Fahnen und ihre Zeige- und Mittelfinger zum Victory-Zeichen in die Luft. Sie jubeln und tanzen, die Kinder essen Eis. Tausende Menschen haben sich um das Hauptquartier der HDP (Demokratische Partei der Völker) in Diyarbakır versammelt.

In den Gesichtern der Alten, derer, die als Kurden viele Jahrzehnte vieles erlitten und gesehen haben in diesem Staat, liegt beseelte Fassungslosigkeit. Bei Feysal, zum Beispiel. Sein Gesicht glänzt, vom heißen Fett seines Dönerstandes und vor Freude. "Ich habe ja gewusst, dass sie's machen", sagt er und wickelt im Akkord Fleischstreifen in Weißbrot. "Aber ich habe mit zehneinhalb Prozent gerechnet, niemals zwölf oder 13." Er ist so froh und so gestresst von den Menschenmassen, dass er vergisst, den Salat mit ins Brot zu schaufeln.

Die HDP ist der Sieger dieser Parlamentswahl in der Türkei. Sie hat, nach einem Wahlkampf, in dem sie beschimpft und oft körperlich attackiert wurde, die Zehn-Prozent-Hürde zum Einzug ins Parlament überraschend deutlich übersprungen. Und damit die Mehrheitsverhältnisse in der türkischen Politik gehörig durcheinander gebracht.

Der Co-Vorsitzende der Partei, Selahattin Demirtaş, mahnte vorher zur Ruhe: Um Provokationen zu vermeiden, um erst einmal abzuwarten und auch aus Respekt vor den Opfern eines Bombenanschlages zwei Tage vor der Wahl. Wie so üblich in Diyarbakır hat aber scheinbar niemand Angst. Den ganzen Tag vor der Wahl war die Stadt erstaunlich ruhig, brav fast. Viele Bewohner hockten vor dem Radio, dem Fernseher, dem Smartphone oder gar auf Bäumen, um mit eigenen Augen bei der Stimmauszählung zusehen zu können.

Am frühen Abend begannen die Feuerwerke und Hupkonzerte. Die prokurdische HDP hat geschafft, wovon so viele Kurden so lange träumen: Sie sind ins Parlament eingezogen, mit 80 Plätzen von 550. Mit solch einem Erfolg hatten viele in Diyarbakır nicht gerechnet, obwohl sie fest an "ihre" HDP glaubten. Die regierende AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) ist auf ein Ergebnis von knapp über 40 Prozent gerutscht und hat so die absolute Mehrheit verloren.

Das Ergebnis überrascht in seiner Deutlichkeit. In der Türkei gilt für alle Parteien die Zehn-Prozent-Hürde, um ins Parlament einziehen zu können. Das erschwert die Bedingungen für Minderheiten-Parteien. Die Kurden sind zwar die größte, aber bei weitem nicht die einzige Minderheit in der Türkei. Die HDP entstand aus dem Kürt Hareket, der Kurdischen Bewegung, heraus. Die hat ihre Ursprünge in der militanten PKK, deren Anhängerschaft zuverlässig mit der HDP sympathisiert und kooperiert. Mittlerweile versteht sich die HDP als Vertreterin aller Minderheiten. Unter ihren Kandidaten sind Armenier, Christen, Aleviten, Jesiden, Zaza und offen Homosexuelle. Im politisch aktiven, aber wertkonservativen Diyarbakır ist die Entwicklung der HDP revolutionär. 

Kein Keifen und Rasseln wie bei den alten PKK-Brigaden

Das ist Selahattin Demirtaş' Spagat: Der junge, besonnene Revolutionär, der nicht mehr aus dem "Gebirge" (ein Synonym für den bewaffneten kurdischen Freiheitskampf) rasselt und keift wie die alten PKK-Brigaden, sondern der ruhig und beschwichtigend auf Provokationen reagiert, keine Eskalationen anheizt, aber deutlich und nüchtern die Regierung kritisiert. Dieses Profil wirkt auch bei linken, wertliberalen und AKP-kritischen Türken.

Ohne die wäre solch ein Wahlergebnis nicht möglich. Allein in Istanbul erreichte die HDP mehr als zehn Prozent der Wählerstimmen. Viele Gegner der AKP und Erdoğans  stimmten wohl auch für die HDP, um der Regierung zu schaden. Der Großteil der HDP-Wähler hat dennoch einen kurdischen Ursprung. In Diyarbakır bekam die Partei satte 80 Prozent.

Davutoğlu verkündet Neuwahlen vor Auszählung

Aber die AKP müsste jetzt koalieren, und das ist neu. Mit wem auch? Im Grunde haben alle Oppositionsparteien eine Koalition mit der AKP im Vornherein ausgeschlossen. Am wahrscheinlichsten scheint noch die Kombination aus AKP und MHP.  Die Ultranationalisten der MHP lehnen Zugeständnisse an die Kurden kategorisch ab, da diese der Parteimeinung nach die Einheit des türkischen Volkes aufweichen würden. Tatsächlich war bisher die AKP die einzige türkische Partei, die Friedensgespräche mit der militanten kurdischen PKK führte. Insoweit ist es fast ironisch, dass der Einzug einer kurdischen Partei ins Parlament den Fortgang des Friedensprozesses gefährden könnte.