Bei zwei Explosionen während einer Wahlveranstaltung der prokurdischen Partei HDP in der südosttürkischen Stadt Diyarbakır sind zwei Menschen getötet worden. Mehr als 100 Teilnehmer seien verletzt worden, sagte Agrarminister Mehdi Eker. Mindestens 20 lägen in Krankenhäusern, berichteten Augenzeugen und Journalisten. Am Sonntag wird in der Türkei ein neues Parlament gewählt. Zu der Abschlusskundgebung weniger als 48 Stunden vor Öffnung der Wahllokale waren mehrere Tausend Menschen gekommen.

Die Explosionen ereigneten sich Augenzeugen zufolge kurz bevor HDP-Chef Selahattin Demirtaş seine Rede halten wollte. Er rief zu Ruhe und Gemeinsinn auf. "Was auch geschieht, die Türkei braucht Frieden", teilte Demirtaş dem Fernsehsender CNN-Türk mit. Rettungskräfte in Diyarbakır sagten, insgesamt würden 133 Menschen mit Verletzungen behandelt. 25 Verletzte seien in einem ernsten Zustand. Bei den beiden Toten handelte es sich nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur Dogan um einen 16- und um einen 20-Jährigen.

Erste Berichte hatten eine Panne bei einem Transformator für die Explosionen verantwortlich gemacht. Energieminister Taner Yıldız sagte dagegen, der Verteiler sei durch einen "äußeren Eingriff" explodiert. Ob er damit eine Bombe meinte, sagte er nicht. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP berichtete vor Ort, zuerst sei ein Müllcontainer explodiert. Die zweite, deutlich stärkere Detonation sei etwa zehn Minuten später in einem Stromverteiler erfolgt.

Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu schloss einen Anschlag nicht aus. "Was immer hinter diesem Vorfall steckt – ob es ein Trafo-Explosion war, ein Attentatsversuch, ein Akt der Provokation – wir werden es untersuchen", versicherte er. Davutoğlu appellierte an seine "Brüder in Diyarbakır", sich nicht zu unbedachten Reaktionen hinreißen zu lassen. Nach dem Abbruch der Veranstaltung blieb eine große Zahl Jugendlicher auf dem Platz und protestierte. Einige warfen Steine auf die Polizei, die mit Wasserwerfern und Tränengas reagierte, um die Menge zu zerstreuen.

Bereits am Donnerstag war es bei einem Wahlkampfauftritt von Demirtaş in Erzurum im Norden des Landes zu Randale zwischen HDP-Anhängern und Nationalisten gekommen. Auch zuvor hatte es bereits mehrere Gewalttaten gegen die HDP gegeben, darunter zwei Bombenanschläge auf Parteibüros in Adana und Mersin, das nicht weit von Diyarbakır liegt. Am Mittwochabend wurde der Fahrer eines Wahlkampfminibusses der HDP erschossen.

Die kurdische Volksdemokratische Partei (HDP) tritt erstmals bei einer Parlamentswahl an. Bislang waren kurdische Abgeordnete nur als unabhängige Direktkandidaten im Parlament vertreten. Um in die Volksvertretung einzuziehen, muss die Partei die Zehn-Prozent-Hürde überwinden. Umfragen zufolge stehen die Chancen gut. Der Partei könnte eine Schlüsselrolle zufallen: Von ihrem Abschneiden hängt es unter anderem ab, ob die regierende AKP ihre Mehrheit behaupten oder, wie von Präsident Erdoğan erhofft, auf eine Zweidrittel-Mehrheit ausbauen kann, mit der sie die Verfassung ändern könnte.