Gestern traf ich einen befreundeten Istanbuler Schriftsteller. Ein Sprachakrobat, dessen Bücher vor allem jüngere Leser faszinieren, ein ganz weicher, höflicher, feiner Kerl, einer jener Intellektuellen in der Türkei, die sagen: Mit Politik will ich nichts zu tun haben! Fast so, als wäre sie eine ansteckende Krankheit. "Die Politik macht die Kunst kaputt", sagt er, und wahrscheinlich hat er nicht ganz Unrecht. Deshalb bat er mich, seinen Namen hier nicht zu erwähnen. Aber die Politik lässt ihn nicht los, wie könnte sie auch, in einem Land wie diesem. Wir tranken Kaffee, aßen Kekse und rauchten ein paar Zigaretten. Es war das erste Mal, dass wir uns nach der Parlamentswahl sahen, und wie viele andere in diesen Tagen sprachen wir natürlich auch über die Ergebnisse vom Wahlsonntag.

Kurz nach der Wahl beherrschte die Gespräche an Restaurant- und Kneipentischen vor allem, dass die AKP von Staatspräsident Tayyip Erdoğan fast zehn Prozent an Stimmen verloren hat – nach Ansicht vieler eine klare Ansage des Wählers, dass er das von Erdoğan angestrebte Präsidialsystem nicht will. Gleichzeitig wurde der Einzug der prokurdischen HDP als Siegeszug der Demokratie gefeiert.

Mein Schriftsteller-Freund fragte, was ich von der Wahl halte. Gerade wollte ich ansetzen zu sagen, dass es eine wichtige Demokratie-Erfahrung sei, wenn der Bürger sehe, dass seine Stimme etwas verändern kann. Erst recht nach 13 Jahren alleiniger Regierung der AKP und angesichts der Angst vor Wahlmanipulationen. Ich kam aber nicht dazu, weil mein Freund plötzlich zu einem Lava spuckenden kleinen Vulkan wurde. "Die Menschen sehen einfach nicht, was hier jetzt eigentlich passieren muss", erregte er sich. Mir schien, dass sich bei ihm seit dem Wahltag einiges angestaut hatte. Die nächste halbe Stunde war sehr lehrreich.


Er fing damit an, die deutschen Medien zu kritisieren. Wir seien zu hart, und würden den Staatspräsidenten ständig als "Sultan" oder "Paşa" bezeichnen. Mein Freund ist weiß Gott kein Fan von Erdoğan, auch nicht von der AKP, obwohl er aus dem islamisch-intellektuellen Milieu stammt. Ich hielt dagegen, dass die deutschen Medien im Vergleich zu türkischen doch sehr zurückhaltend seien, aber ihm ging es um etwas anderes. "Gott vergelt's dem türkischen Wähler, der demokratischer ist als alle unsere Politiker: Er hat alle Parteien ein wenig mehr in die Mitte bewegt. Das Wahlergebnis ist großartig! Warum kriegen das einige Leute einfach nicht in ihren Schädel?"

Die AKP wurde abgestraft

Was der Autor meinte war: Die AKP wurde in die Schranken gewiesen, sie wurde für vieles abgestraft, was in letzter Zeit unter ihrer Regentschaft schiefgegangen ist. Erst die brutale Niederschlagung der Gezi-Proteste, bei der sechs junge Menschen starben; dann das kalte Krisenmanagement in Soma, wo 301 Bergleute ums Leben kamen; die nicht aufgeklärte Korruptionsaffäre, in die Mitglieder der AKP-Regierung verwickelt gewesen sein sollen; das lange Zögern, bis die nordirakischen Peschmerga ins syrische Kobani durchgelassen wurden, um den kurdischen Kämpfern gegen die Angriffe des sogenannten Islamischen Staates zu helfen.

Aber der Wähler hat Staatspräsident Erdoğan und seine AKP nicht nur abgestraft – er hat sie mit 40 Prozent der Stimmen auch wieder zur stärksten Partei gemacht. Sie gehört zur Realität des Landes dazu und wird die Türkei auch weiterhin prägen. Viele Menschen vertrauen ihr, weil sie vor allem in den ersten Jahren ihrer Regierung Stabilität und Wohlstand gebracht hat. Sie hat – wenn auch mit wenig Rücksicht auf die Umwelt – Straßen und Häuser gebaut, und die Gesundheitsversorgung verbessert. 

Endlich durchatmen

Für sehr viele ist Erdoğan der Mann, der "Züge unter dem Meer fahren lässt", wie er zuletzt auf der Feier zur Eroberung Istanbuls gefeiert wurde – eine Anspielung auf "Marmaray", eine S-Bahn-Linie, die unter dem Bosporus durchfährt. "Die Menschen sehen diesen Dienst an ihrem Alltag, den vorher keine Regierung so hingekriegt hat, und sie wollen auch nicht mehr darauf verzichten", sagte der Freund. Hinzu kommt: Erdoğan und die AKP haben eine Atmosphäre im Land geschaffen, in der nicht nur endlich die Frommen, sondern auch Intellektuelle und Liberale anfingen, sich wohler zu fühlen.

Das ist leider spätestens seit den Gezi-Protesten vorbei. Erst am Wahlsonntag hatte man den Eindruck, dass das Land nach Jahren wieder durchgeatmet hat.