Es war hauchdünn. Schließlich entschieden gerade mal 3.696 Stimmen über Sieg oder Niederlage. Um kurz vor halb fünf Uhr stand das Resultat fest: Die Schweiz kriegt ein neues Radio- und TV-Gesetz (RTVG). Damit werden die Rundfunkgebühren geändert: Statt heute 451 Franken werden alle Haushalte in Zukunft noch rund 400 Franken fürs Radiohören und Fernsehen bezahlen. Dafür gibt es für Nichthörer und -gucker keine Ausnahmen mehr. Alle blechen. Auch die 62 Prozent der Firmen, die heute kneifen. So war es kein Wunder, dass der Direktor des Gewerbeverbands die Nein-Kampagne angeführt hatte.

Die Gebühren sind sehr unbeliebt in der Schweiz. Kaum eine andere Firma hat einen schlechteren Ruf als die Gebühreneintreiberin Billag und ihre Schwarzseher-Schnüffler. Dennoch ging es im Wahlkampf nicht um Inkassofragen. Vielmehr ging es ums große Ganze: den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, was er soll und was er darf. Ja, die Gegner des Rundfunk-Gesetzes nutzten das Plebiszit zu einer Kampagne gegen die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG).

Die SRG ist auch ein dankbares Opfer. Es ist wie mit der Schule: Alle können mitreden, alle haben eine Meinung. Und alle haben sich schon mal über einen doofen Radiomoderatorenwitz, über eine seichte Unterhaltungskiste oder einen gähnend langweiligen Polit-Talk geärgert. Und die SRG selbst hat sich im letzten Jahrzehnt immer stärker aufgebläht: Mehr TV-Sender, mehr Radiostationen, und vor allem lancierte sie eine Großoffensive im Internet, zum (berechtigten) Ärger der privaten Medienhäuser.

Den schärfsten Gegnern der Vorlage, die meisten stammen aus der rechtsbürgerlichen Ecke, ging es aber um mehr. Sie wollten – wieder einmal – eine Schweizer Institution beschädigen. Oder martialischer formuliert: sturmreif schießen.

Weniger Staat, mehr Fernsehen nennt sich eine Kampfschrift, die pünktlich zur RTVG-Abstimmung erschien. Den Autoren ist die Deutungshoheit der Öffentlich-Rechtlichen ein Dorn im Auge. Sie sehen Radio und TV als Machtmittel – und wollen selbst Regie führen. Entsprechend erzielte die Vorlage die höchsten Nein-Stimmenanteile in den Hochburgen der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP).

Völlig überdrehter Abstimmungskampf

Die SRG-Gegner wollten das neue Gesetz verhindern und scheiterten nun damit, allerdings extrem knapp. Dennoch können sie sich als Sieger fühlen: Die SRG ist angezählt nach dem völlig überdrehten Abstimmungskampf. An ihrem Generaldirektor Roger de Weck, dem ehemaligen ZEIT-Chefredakteur, ist es nun, die Lehren aus dieser Beinahe-Niederlage zu ziehen. Und ihre Expansionslust zu zügeln: Muss sie zum Beispiel eine App für die eidgenössische Wahl im Herbst lancieren? Braucht es die unsägliche Volkserziehungskampagne "SRF bewegt", die zurzeit über alle Kanäle ins Land dringt und die Schweizerinnen und Schweizer zu mehr Sport antreiben will? Also: Was kann der öffentlich-rechtliche Sender tatsächlich besser als die privaten? Und wann soll er diesen den Vortritt lassen?

Die SRG muss sich ihre Daseinsberechtigung wieder erkämpfen! Mit Taten, nicht mit salbungsvollen Generaldirektoren-Reden. Denn Ende 2017 läuft ihre Konzession aus. Die Diskussion über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist noch lange nicht ausgestanden.

Übrigens: Nichts wissen wollten die Schweizer von einer nationalen Erbschaftssteuer. Sie versenkten eine entsprechende Volksinitiative der Linken und zwar im Verhältnis 70 zu 30. Auch das sagt einiges über die Schweiz aus. Ein Land, in dem jährlich 76 Milliarden Franken vererbt werden.