Die griechische Krise ist noch nicht vorbei. Wohl haben sich die Regierungen der Euroländer auf Verhandlungen über ein drittes Hilfspaket und auf griechische Gegenleistungen in Gestalt einschneidender struktureller Reformen geeinigt; es fließt auch schon wieder Geld nach Athen. Doch werden diese Verhandlungen schwierig werden – weil es dabei ums Konkrete geht, was nie einfach ist, und weil die Zweifel daran noch nicht ausgeräumt sind, ob die Griechen ihre Versprechen tatsächlich erfüllen wollen oder können. Irgendwie aber wird am Ende, wie immer unvollkommen, eine Einigung stehen.

Die Europäer haben jetzt wieder den Kopf frei, um sich über die wichtigste Frage Gedanken zu machen: Welche Lehren müssen sie aus dem griechischen Debakel ziehen? Wie soll es weitergehen mit ihrem Zusammenschluss?

Alle wollen ein "besseres" Europa. Aber was heißt das? Zwei Denkschulen stehen sich da diametral gegenüber. Die einen wollen "mehr" Europa, die anderen "weniger" Europa. Die Europakritiker, die das Rad der Integration zurückdrehen möchten, verweisen auf die Ergebnisse von Parlamentswahlen und Meinungsumfragen, in denen auf der Linken wie auf der Rechten eine bittere Gegnerschaft zum europäischen Einigungsprozess zum Ausdruck kommt. Die Integrationisten hingegen, etwa der frühere belgische Premier Guy Verhofstadt, verlangen das genaue Gegenteil: "Wir müssen viel weiter gehen und dabei viel schneller sein!"


Ich gehöre einer Generation an, die jubelte, als einige kühne Altersgenossen aus Deutschland und Frankreich 1950 die Rheinbrücke bei Kehl stürmten und dort die Schlagbäume niederbrannten. Für uns, die wir damals um 20 waren, war dies der Beginn des langen Weges nach Europa. Wir wussten: Gute Deutsche würden wir nur sein, wenn wir gute Europäer würden. Wir empfanden uns als "Nation auf dem Weg nach Europa". Vielleicht dachten wir deshalb weniger national als unsere Nachbarn und immer ein Quäntchen europäischer, bereit zum Souveränitätsverzicht, zum Abtreten nationaler Befugnisse an die entstehende Europäische Union.

Ich bin es auch heute noch. Nicht, dass ich glaubte, die Nationen würden je verschwinden, sich auflösen in eine paneuropäische Wohlfühl-Einheit. Sie bleiben erhalten als Bausteine Europas. Indessen setze ich meine Hoffnungen nach wie vor auf ein sich fortschreitend weiter einigendes Europa.

Und dies nicht allein, um den Frieden zwischen unseren Nationen zu sichern, die sich in tausend Jahren blutiger Bürgerkriege immer wieder gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben. Diese Schlächtereien ein für allemal zu beenden, war das entscheidende Motiv der europäischen Gründungsväter. Heute ist es undenkbar, dass wir noch einmal die Waffen gegeneinander erheben. Doch ist Europa umgeben von einem Feuerring. In der Ukraine wird gekämpft, Staatszerfall und islamistische Gewalt in Mittelost bedrohen sehr direkt unsere eigene Sicherheit; die nordafrikanischen Turbulenzen gehen mit einem Ansturm von Mittelmeerflüchtlingen einher; auch aus Schwarzafrika, wo Boko Haram und Al-Shabaab ihr Unwesen treiben, erwachsen uns gefährliche Bedrohungen.