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Wenn man in diesen Tagen den Europäer Jan Zielonka anruft, der einen polnischen Pass hat und dazu einen niederländischen, ein Haus in Italien bewohnt und in Oxford lehrt, und ihn nach der Krise Europas fragt, kann es sein, dass man sehr lange nicht zu Wort kommt. So wütend ist er über die "totale Blindheit der europäischen Eliten", über die "Integrationsgläubigkeit" und die "Lähmung" Europas. Dann, nach zehn Minuten Redeschwall, sagt Zielonka: "Mittlerweile nutzt die EU der Einigung Europas nicht mehr, sie schadet ihr."

Ein unerhörter Satz ist das. Eine Position, die kaum vorkommt in einer Öffentlichkeit, die sich durch die gegenwärtigen Krisen zittert und ganz fest hofft, dass doch noch alles gut wird. Dabei ist es so naheliegend, was Zielonka sagt.

Die Griechenland-Krise wird weniger durch die EU behoben, als dass sie durch die europäische Währungsunion erst verschlimmert und nahezu unlösbar wurde. Der als Kampf ums Steuergeld dargestellte Streit darum, wer nun für was zahlt und wer über welche Reformen entscheidet, hat zwar dafür gesorgt, dass Europa erstmals wirklich gemeinsam über Europa streitet: Deutsche machen sich Gedanken über griechische Sozialsysteme, Griechen über deutsche Parteipolitik.

Doch es ist eben ein Streit, eines hat die Krise ganz sicher nicht gestärkt: das Vertrauen in den europäischen Zusammenhalt und darin, dass die EU letztlich immer gut ist für die, die in ihr leben. Nimmt man die Aushöhlung der Demokratie in Ungarn dazu, die offensichtliche Handlungsunfähigkeit in der Flüchtlingspolitik, die Austrittsgelüste Großbritanniens und die vielerorts stärker werdenden rechtspopulistischen Parteien, die mit Brüssel ein wunderbar bequemes Ziel und in Russland einen freudigen Nutznießer haben, ist offensichtlich: Die EU ist so bedroht wie nie zuvor.

Griechenland als Symptom des Niedergangs

Die Reaktion darauf ist fast überall Beschwörungsrhetorik. Die Krise werde die EU "schärfen", heißt es gern, die Union werde "gestärkt daraus hervorgehen". Zeitungen sind voller Plädoyers und Appelle: Die EU "braucht jetzt, mehr denn je, Mut", ist so ein Daumendrücker-Satz aus der Süddeutschen Zeitung. Oder auch "Europa, reformier dich endlich!", wie ZEIT-ONLINE-Kollegin Marlies Uken fordert. Ja, schön wär's. Nur leider deutet fast nichts darauf hin, dass die Realität sich den Wünschen beugen wird. Die vergangenen sieben Krisenjahre haben keine einzige wuchtige EU-Reform gebracht.

Was also, wenn es nie mehr besser wird? Was, wenn die EU nicht gestärkt wird durch die Krise, wenn Griechenland nicht nur ein Zwischenstopp ist auf dem Weg zu einem immer vereinteren Europa, sondern ein Symptom des Niedergangs der EU? Wäre es nicht höchste Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, was man anfangen sollte mit dieser Gemeinschaft, wenn sie sich eben nicht von selbst berappelt? Daumendrücken allein bereitet jedenfalls nicht besonders gut vor auf eine solche Zukunft. "Die Geschichte aller politischen Mächte geht irgendwann zu Ende", sagt dazu Zielonka. Noch so ein unerhörter Satz.

Das aber ist die Leerstelle, die Zielonka und einige andere, wenige Kollegen zu füllen versuchen. Zielonka hat zum Beispiel ein Buch geschrieben mit dem Titel Is the EU doomed? (Ist die EU verloren?). Darin argumentiert er, dass die EU dem Zusammenwachsen Europas bisher geholfen hat, es jetzt aber bremst. "Das Pendel scheint umgeschwungen zu sein", schreibt Zielonka. "Die gegenseitige Abhängigkeit führt nicht mehr zu Integration, sondern zur Desintegration." Er und andere (darunter der deutsche Politologe Fritz W. Scharpf) führen als besten Beweis die Regeln der Währungsunion an, in der sehr ungleiche Länder in einen geldpolitischen One-fits-all-Rahmen gezwungen sind, der eben nie für alle passen kann, sondern in dem für jede Richtungsentscheidung irgendwer zahlen muss. Dass unter diesen Voraussetzungen die Beteiligten eher gegeneinander kämpfen und die Abneigung zwischen den Nationen steigt: Wen wundert's?

In Deutschland gehört der Europarechtler Henrik Scheller zu den EU-Ketzern. Er hat im vergangenen Jahr mit einer Kollegin einen Sammelband zur europäischen Desintegration herausgegeben und klagt nun: "Wenn man so was vertritt, wird man in die Schmuddelecke gestellt. Über Desintegration spricht man nicht, das durfte es bisher nicht geben." Dabei gehe es ihm gar nicht darum, "das Schreckgespenst der Desintegration an die Wand zu malen oder gar heraufzubeschwören. Wir weisen lediglich darauf hin, dass Integration und Desintegration zwei Seiten einer Medaille sind und dabei ein mehrdimensionales Phänomen darstellen. Desintegration hat es schon immer gegeben. Wenn wir Integration besser verstehen wollen, müssen wir endlich beginnen, uns intensiver auch mit Desintegrationsphänomenen und den jeweiligen Wechselwirkungen zu beschäftigen. Nur so ist aktive politische Einflussnahme möglich". Zielonka sieht das ähnlich: "Wer sagt, dass man vielleicht etwas anders machen sollte, dass es einen Plan B oder Plan C braucht, wird als Euroskeptiker abgestempelt und ausgegrenzt. Das ist doch absurd!"