Als Finnlands neuer Finanzminister Alexander Stubb Anfang Juni auf dem Dach seiner Botschaftsresidenz in Berlin ein Interview gab, flatterte gleich hinter ihm die Flagge eines anderen Eurolandes – wie ein Vorzeichen für unruhige Zeiten. Es wehte nicht Finnlands blaues Kreuz auf weißem Grund, sondern genau umgekehrt: ein weißes Kreuz auf blauem Grund. Die Hoheitssymbole Griechenlands waren hinter Stubb auf dem Dach der benachbarten Botschaftsresidenz unübersehbar.

Umso klarer schien sich der finnische Politiker mit seinen Worten von der Kulisse abgrenzen zu wollen. "Finnland und Deutschland befinden sich im gleichen Lager in der Gruppe der Euroländer", sagte Stubb und meinte damit die Verhandlungen um Griechenlands Schuldenproblem. Kurz zuvor war er von seinem deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble zum Antrittsbesuch empfangen worden. "Unsere Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsphilosophien sind ähnlich", sagte Stubb.

Kaum jemand konnte damals ahnen, in welche geradezu Gordische Verknotung die Euroländer mit Griechenland und untereinander geraten würden. Erst im April hatte Finnland ein neues Parlament gewählt. Stubb mit seiner Nationalen Sammlungspartei war eine Koalition mit der rechtspopulistischen Partei der Finnen eingegangen, die früher unter dem Namen Wahre Finnen firmierte. Zum ersten Mal überhaupt kamen die Rechtspopulisten in eine Regierung. Die Griechenland-Kredite haben sie schon immer heftig kritisiert.

Im Alleingang hätten sie sich nicht getraut

Aber nicht nur die Finnen-Partei übte Druck in dieser Regierung aus. Als Finanzminister Stubb zu den entscheidenden Verhandlungen nach Brüssel reiste, verfolgte er eine harte Linie. Er wusste, dass er damit nicht allein sein und mehrere Verbündete haben würde. Die Helsinkier Regierung kalkulierte mit der Ablehnung nicht nur Deutschlands, sondern auch der Niederlande und vieler osteuropäischer Länder. Im Alleingang hätte sich das fünf Millionen Einwohner zählende Finnland nicht getraut, diese Position einzunehmen. Finanzminister Stubb hat das selbst eingeräumt. Als Schäubles Grexit-Vorschlag aber auf dem Tisch lag, ermutigte das auch die kleineren Mitgliedsstaaten, in Brüssel ihre eigenen strengen Auflagen vorzustellen.

Für Stubb war es daher ungefährlich, eine strenge Botschaft aus Brüssel abzusenden, die sowohl für die europäischen als auch finnischen Partner in der eigenen Regierung bestimmt war. Als Bonus bekam Finnland in der internationalen Presse den Ruf des kleinen, aber rigorosen Aufpassers. Die Kolumnenschreiber vieler internationaler Zeitungen vermuteten, dass die europaskeptische Finnen-Partei ihren Einfluss durchgesetzt hatte. Finnlands Außenminister Timo Soini, der Vorsitzende der Finnen-Partei, dementierte jedoch schnell das am Wochenende entstandene Gerücht, die Finnen hätten mit einem Austritt aus der Regierung gedroht, falls die Verhandlungen mit Griechenland über das Hilfspaket begonnen würden.

In dieser Woche nun haben die Parlamente der Euroländer Einsicht in die Vorschläge der Griechen zum insgesamt 86 Milliarden Euro umfassenden dritten Hilfspaket erhalten. In Finnland spielt dabei der Große Ausschuss des Parlaments eine entscheidende Rolle, der sich aus 25 Abgeordneten der Fraktionen zusammensetzt. Das Gremium ist eine Miniaturausgabe des finnischen Parlaments, es bestimmt über Finnlands EU-Politik und gibt den Ministern die Befugnis vor Brüsseler Verhandlungen.

Der Große Ausschuss hat bereits an diesem Donnerstag getagt und der Regierung das Mandat gegeben, über das dritte Hilfspaket für Griechenland zu verhandeln. Er gab auch seine Zustimmung für die Übergangsfinanzierung von sieben Milliarden Euro. Für die Finnen-Partei war das allerdings schmerzhaft. Der Parteivorsitzende Soini verglich die Entscheidung mit einer Wahl zwischen Pest und Cholera. Die Aufnahme von Verhandlungen sei nur gebilligt worden, weil ein Auseinanderfallen der griechischen Gesellschaft ein sicherheitspolitisches Problem dargestellt hätte. "Gute Alternativen hat es lange nicht gegeben", sagte Soini. Griechenland müsse nun als vertrauensvoller Verhandlungspartner auftreten.

Die finnische Europapolitik wurde seit den Zeiten des engagierten EU-Mannes Paavo Lipponen Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre auf einen ganz neuen Kurs gebracht. Von einem nordischen Musterschüler, der alle Regeln der EU gewissenhaft befolgt, kann nicht mehr die Rede sein. Finnland ist eines derjenigen Länder, die nationale Befugnisse stärken wollen. Schon im Jahr 2010 war Finnland federführend in den Verhandlungen über die Garantien des zweiten Hilfspakets für Griechenland, die für den Fall gelten sollten, dass das Land seinen Verpflichtungen nicht nachkäme.

Auch wenn die Regierungskoalition in Helsinki aus drei Partnern besteht, kann die Finnen-Partei in entscheidenden Fragen doch starken Druck ausüben. Sie ist entschlossen, die EU-Skepsis ihrer Wähler in Politik umzusetzen.

Aus dem Finnischen übersetzt von Jonas Tölle