Während die Euroländer mit den zahlungsunfähigen Griechen das Endspiel um den Verbleib des Landes in der Währungsunion und das geforderte Reformprogramm als Gegenleistung für weitere Milliardenhilfen austragen, schauen die USA von der Seitenlinie aus zu. Der leise Ton, den Washington gegenüber Europa anschlägt, unterscheidet sich deutlich von der Haltung zu Beginn der Eurokrise. Vor dem ersten Rettungspaket für Griechenland im Frühjahr 2010 übte das US-Finanzministerium Druck auf Europa aus, dem angeschlagenen Land schnell finanziell unter die Arme zu greifen. Da man die Sorge vor einer Ausbreitung der Krise auf andere Länder nicht entkräften konnte, lenkten die übrigen EU-Staaten ein.

Auch bei den Verhandlungen um das zweite Rettungspaket im Juli 2011 mischte sich die US-Regierung ein. Mit Erfolg: Deutschland stimmte nach langem Widerstand weiteren Finanzhilfen an Athen zu. Als während der Zypernkrise 2013 darüber nachgedacht wurde, auch Kleinsparer über eine Zwangsabgabe an den Kosten der Bankenrettung zu beteiligen, protestierten die USA heftig dagegen, Eigentumsrechte mit Füßen zu treten. Die EU-Finanzminister ruderten schnell zurück. Kleinsparer blieben verschont, und auf Regierungsebene und in den europäischen Institutionen war man bemüht, die USA zu beruhigen. 

Heute halten sich die Amerikaner mit Kritik an Europas Krisenmanagement deutlich zurück. Ende Juni erklärte Obama, die Krise in Griechenland sei zwar ernst, aber sie sollte nicht zu "Überreaktionen" verleiten. Das einflussreiche US-Internetmagazin Politico titelte: "White House on Greece: Not our problem", und fasste damit Aussagen des US-Regierungssprechers Josh Earnest gegenüber Journalisten zusammen. Zwar führt US-Finanzminister Jack Lew offenbar seit Monaten und auch in den letzten Tagen intensive Gespräche mit seinen europäischen Kollegen und dem Internationalen Währungsfonds (IWF), um einen Kompromiss in der Griechenland-Krise zu erreichen. Nach dem Abbruch der Verhandlungen um ein drittes Rettungspaket Ende Juni griff auch der amerikanische Präsident selbst zum Telefonhörer, um die Regierungschefs der wichtigsten europäischen Partner sowie den griechischen Premier Alexis Tsipras von einem Verbleib Griechenlands in der Eurozone zu überzeugen. 

Verfolgt man jedoch die Erklärungen der deutschen Bundesregierung seit dem griechischen Referendum, sieht es nicht danach aus, als füge man sich einfach den Vorstellungen der USA. Und so macht auch Obama in der Öffentlichkeit klar, dass die Griechenland-Krise "in erster Linie ein Problem Europas" sei. 

Drei Gründe für den Rückzug der USA 

Für die Zurückhaltung der USA gibt es drei mögliche Erklärungen. Als erster Grund ist die interne Schwäche der USA zu nennen. Das Land leidet an anhaltenden wirtschaftlichen Ungleichgewichten und seiner politischen Zerstrittenheit. Kostspielige Beteiligungen an multilateralen Projekten sind daher derzeit kaum mehr durchsetzbar. So kam es 2010 auf Drängen der Republikaner zu einer Gesetzesänderung, die eine Beteiligung an Krediten des Internationalen Währungsfonds für Krisenländer erschwert. Für eine Kongresszustimmung zu weiteren Hilfen für Griechenland müsste die Regierung dessen Zahlungsunfähigkeit nachweisen. Da bleibt kaum Luft für "Scheckbuchdiplomatie", zumal mit dem nahenden Staatsbankrott in Puerto Rico nun ein Rettungskandidat vor der eigenen Haustür steht. Davon abgesehen müssen sich die Demokraten die Frage stellen, ob sie – kurz vor Wahlkampfbeginn – neben den Krisenherden Iran, Irak, arabischer Raum, südchinesische See und Ukraine mit Griechenland noch ein weiteres außenpolitisches Fass aufmachen möchten. 

Zum Zweiten steht für die US-Regierung bei einer Pleite Griechenlands und dessen Euroaustritt heute weniger auf dem Spiel als noch zu Beginn der Krise 2009. Private US-Investoren haben sich schon seit Jahren aus dem Griechenlandgeschäft zurückgezogen, und auch die nun erwarteten Verluste öffentlicher Gelder nach dem Zahlungsausfall gegenüber dem IWF sind verkraftbar. Zudem geht von Athen heute nach der Einschätzung vieler Ökonomen keine große Gefahr für die Weltfinanzmärkte aus. In akademischen Debatten und Berichten der Wirtschaftsmedien dominiert die Meinung, Europa habe mit der Schaffung des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) und der Gründung einer Bankenunion in den letzten Jahren die notwendigen Institutionen geschaffen, um eine durch einen Grexit ausgelöste Krise zu kontrollieren.