Lenz Jacobsen ist Politikredakteur bei ZEIT ONLINE. © Privat

Es war wieder eine dieser Deadline-Nächte. Gestern hockten Politiker bis tief in die Nacht zusammen, die Journalisten außenrum, diesmal im Athener Parlament, und am Ende stand ein weiterer kleiner Beschluss. Ein weiterer kleiner Schritt auf dem mittlerweile fünfjährigen Weg durch diese Krise, von dem niemand weiß, wo er dieses Land und Europa wirklich hinführt. Eine Woche zuvor gab es schon so eine nächtliche Parlamentssitzung in Athen, die Bildzeitung feierte das bereits als "Durchbruch". Wiederum nur drei Tage davor hatten die Staats- und Regierungschefs gleich die gesamte Nacht durchverhandelt, wie sie auf die akut drohende Staatspleite Griechenlands reagieren, die wahrscheinlicher geworden war durch das Nein der griechischen Bevölkerung im spektakulären Referendum eine Woche zuvor, das wiederum über das Ergebnis eines anderen nächtlichen Brüssel-Gipfels entschied – kommen Sie noch mit? 

In der Griechenland-Krise reihen sich schnell einberufene Gipfel, Nachtsitzungen und immer neue, ablaufende Fristen aneinander. Ständig muss irgendwer irgendeinem Paket zustimmen, Listen müssen hin und her geschickt, Raten bezahlt und Sparziele erreicht werden. Es ist, als würde über Europa eine große Uhr ticken, die alle zu ständiger Eile antreibt. Und in diesem Rennen gegen die Zeit verlieren selbst professionelle Beobachter leicht die Übersicht. "Bald wird niemand mehr wissen, wer wann was vorgeschlagen und abgelehnt hat oder wer schuld ist", schrieb der Kollege Michael Thumann vor nur drei Wochen. Warum nur ist das alles so hektisch? Und: Muss das so sein?

Der Markt gibt den Rhythmus vor

In Sachen Griechenland lassen sich zwei Erklärungen finden für die ständige Hetzerei. Die erste hat mit dem Charakter der Finanzkrise zu tun. Weil Griechenland wieder fit gemacht werden soll für den privaten Finanzmarkt, muss die Therapie sich nach dem Rhythmus dieses Marktes richten. Die EZB hat Griechenland keine neuen Nothilfen genehmigt, weil diese dem Land nach den Maßstäben des Geldmarkts einfach nicht zustehen. Deshalb hatten die griechischen Banken zu wenig Geld und mussten schließen. Deshalb standen wütende, hungernde Rentner vor den Banken. Deshalb musste die griechische Regierung schnell handeln und peitscht nun das Spar- und Finanzierungspaket, das die Banken wieder mit Geld ausstattet, im Eilverfahren durchs Parlament. Auf diese Weise zwingen die Regeln des Finanzmarkts der griechischen und europäischen Politik eine ständige Dringlichkeit auf.

Und die Eurogipfel liegen auch deshalb immer auf den Wochenenden, weil nur dann die Börsen geschlossen haben: 48 Stunden geschützter Raum. Bevor in Tokio der Handel wieder beginnt, muss eine Einigung her.

Man kann das, wie beispielsweise der Autor Joseph Vogl in seinem aktuellen Buch Der Souveränitätseffekt, als Machtübernahme deuten. Wenn keine Zeit mehr bleibt für sorgfältige parlamentarische Prozesse, sondern informelle Runden (Troika) und Eilsitzungen Normalfall werden, gerät Politik in einen dauerhaften Ausnahmezustand. Die griechischen Abgeordneten haben die Sparmaßnahmen, die sie auf den Weg bringen sollten, erst am Vorabend der Abstimmung überhaupt zugeschickt bekommen.

Für den Soziologen Wolfgang Streeck erringt diese dauernde Notfallpolitik nur etwas "gekaufte Zeit". So versuchen kapitalistische Demokratien ihr Leben noch ein wenig zu verlängern, noch mit Mühe den Anschein aufrechtzuerhalten, dass das System im Großen und Ganzen funktioniert.  

Eine Krise dieser Größe löst man nicht in einer Nacht

Man kann die ständige Hektik aber auch von ganz anderer Seite erklären: als Symptom einer insgesamt beschleunigten Gesellschaft. Warum eigentlich erwarten wir schnelle Klärung? Krisen dieser Größenordnung lassen sich nicht per Handstreich beenden und Politik ist ein ständiger Prozess und ein ständiges Ungenügen. Dass die Krisenmanager die Krise einfach nicht erledigt kriegen, nicht abgehakt, macht sie zu Versagern in den Augen der vielen To-do-Listen-Jünger. So gesehen wäre nicht die Krisenpolitik selbst das Problem, sondern unsere Wahrnehmung.

Medien sind nicht schuld daran, an ihnen lässt sich das Phänomen nur am besten ablesen. Andauernd rufen Journalisten einen "Durchbruch" oder das "Finale" aus. Im ständigen Nachrichtenstrom sind wir schließlich minütliche Aktualisierungen gewohnt, immer neue Entwicklungen. So erzeugt die Sprache der Berichterstattung die Illusion, dass es bald, endlich, geschafft ist. Nur noch diese nächtliche Schlacht in Brüssel, nur noch dieser Gipfel, nur noch jenes Paket.

Doch der Blockbuster Griechenland-Krise hat kein erlösendes Finale. Wir wissen nicht einmal, wie lange er noch weiterlaufen wird.

Manchmal bricht die daraus resultierende Nervosität beim Thema Griechenland durch in der Berichterstattung. So kommt es, dass Spiegel Online am gleichen Tag Artikel zur Griechenland-Krise mit Es zieht sich und später mit Endlich geht es voran – ein wenig betitelte. Man kann dabei die ob der langsamen Griechen unruhig auf dem Schreibtisch trommelnden Finger des Redakteurs fast hören.