Seit über zwanzig Jahren versuche ich, Griechenland und sein kompliziertes Verhältnis zum Rest Europas zu verstehen. Heute staune ich manchmal über die Eindeutigkeit, mit der Politiker, Ökonomen und auch Journalisten über die aktuelle Krise urteilen. Im verständlichen Wunsch nach Klarheit verfallen sie in kühne Voraussagen. Die klingen dann so: "Das Spiel ist aus!" – "Jetzt kommt unausweichlich der Grexit!" – "Die Europäer sind schuld!" – "Die Sparpolitik ruiniert Griechen und Europäer!" – "Tsipras fährt Griechenland an die Wand!"

Auf die Gefahr, ebenso kühn zu wirken, würde ich jetzt einmal behaupten, dass nichts davon am Ende in dieser Eindeutigkeit stehen bleiben wird. Das Hauptmerkmal dieser Krise ist nämlich das Irren in der Grauzone, die Widersprüchlichkeit – und die Vielfalt der Mitspieler. Und immerhin dauert die Krise schon sechs Jahre an, viele hatten also Gelegenheit, etwas falsch zu machen.

Doch beginnen wir mit den Voraussagen für diese Woche. Viele glaubten, der 30. Juni wäre der Eintritt des Grexit, weil Athen an diesem Tag die fällige Rate an den Internationalen Währungsfonds nicht bezahlte. Das Land ist damit praktisch bankrott, aber trotzdem immer noch im Euro. Und niemand kann es hinauswerfen. Manche erwarten nun vom Referendum am kommenden Sonntag den Big bang, der Griechenland entweder im Euro hält oder es unwiderruflich aus der Eurozone und womöglich gleich der EU hinauskatapultiert.

Aber selbst mit dem Volksentscheid könnte noch nichts entschieden sein. Tatsächlich stimmen die Griechen über einen Reformvorschlag der Europäer ab, der schon Makulatur ist, da die Verhandlungen weitergegangen sind. Das wiederum bedeutet, dass das Referendum zwar hohe Symbolkraft, aber keine feste Grundlage hat – und damit nicht bindend ist. Stimmen die Griechen mit Ja zum Reformvorschlag, erwarten viele den Rücktritt von Premier Alexis Tsipras, er könnte aber auch bleiben und geschwächt weiterverhandeln. Stimmen die Griechen mit Nein, wäre Tsipras gestärkt, aber könnte immer noch beide Wege gehen: Weiterverhandeln oder Grexit.

Die traurige Wahrheit für Freunde der Klarheit ist: Es wird wahrscheinlich weiter gewurstelt. Die Europäer können Athen nicht aus der Eurozone werfen, sie haben nur die Option, kein Geld mehr zu geben. Der Grexit käme dann in Raten, während dauerdramatisch weiterverhandelt würde. Am Ende wird niemand genau mehr wissen, wer wann was vorgeschlagen und was abgelehnt hat und wer nun eigentlich schuld ist.

Außer den Experten und Kommentatoren natürlich, vor allem denen aus Großbritannien und den USA, die aus der Ferne mit wenig Kenntnis, aber dafür mit viel Apokalyptik schreiben: Der Grexit kommt, der Euro ist am Ende, Griechenland wird eine russische Kolonie, und Merkel ist an allem schuld.

Tatsächlich verteilt sich die Schuld schon heute auf viele Schultern. Beginnen wir mit den Amerikanern, ohne deren hausgemachten, selbst verschuldeten Krach 2008 die Eurokrise so nicht gekommen wäre. Dann wären da die griechischen Politiker, die den Staat seit Jahrzehnten als dienstbare Hülle für die Versorgung ihrer Klientel gesehen und ihn damit der Funktionsunfähigkeit nahe gebracht haben. Danke Pasok, danke Nea Dimokratia!

Als nächstes wären die Bundesregierung und Angela Merkel zu nennen, die seit 2010 zu viel aufs Sparen und Kürzen und zu wenig auf Wachstumspolitik gesetzt hat. Der ständige drohende Zeigefinger hat viele Griechen zu Reformgegnern gemacht. Ihr standen die Europa-Politiker und der IWF beiseite, die ganz groß bei Sparvorschlägen waren, aber zu wenig auf Staatsreformen gedrängt haben.

Nun aber zu Alexis Tsipras, der schon nach fünf Monaten im Amt zu den Mitschuldigen an der Misere seine Landes gehört. Er hat versucht, mehr für sein Land herauszuholen, damit es wieder wachsen kann. Das war richtig. Aber die Methode war falsch: mit Konfrontation, Taktieren, Hinhalten in Brüssel und lautem Pathos zu Hause. Dadurch verschleppte er eine Einigung mit der EU bis zum Bankrott, der das Land nun tiefer in die Krise reißt als alles übertriebene Sparen davor. Auch wer nichts unterschreibt, lädt Schuld auf sich.

Der Misserfolg hat viele Väter und Mütter. Denken Sie daran bei der nächsten Talkshow mit allzu eindeutigen Meinungen.

Kurz erklärt - Was bedeutet Grexit? Schon seit 2009 wird in Politik und Medien vom Grexit gesprochen – dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Ein solches Szenario hat es noch nie gegeben – selbst Staatsrechtler sind sich über die juristischen Folgen eines Grexits uneinig.