Die Umfragen der letzten Tage haben zwar kein eindeutiges Bild über den Ausgang des griechischen Referendums gegeben, es lässt sich dennoch eine Tendenz darin erkennen: Seit den ersten Erhebung zu Beginn der Woche sinkt die Zustimmung für Ministerpräsident Alexis Tsipras und für sein Nein zu den Sparvorschlägen der EU. Die beiden Lager liegen nun ungefähr gleichauf. Was passiert mit der griechischen Regierung, wenn die Mehrheit mit Ja stimmt, wenn Tsipras die Abstimmung also verliert? 

In mehreren Interviews hat Finanzminister Yanis Varoufakis seinen Rücktritt für den Fall einer Niederlage in Aussicht gestellt. Auch Tsipras hat angedeutet, dass er nicht "auf alle Zeit" Ministerpräsident bleiben werde. Wer aber soll dann mit den Gläubigern verhandeln, um ein mögliches neues Kreditpakt für das Land zu erreichen? Es müsste umgehend eine neue Regierung gebildet werden, die hierfür die Verantwortung übernimmt. 

Allerdings hat die Opposition, bestehend aus der konservativen Nea Dimokratia, der sozialistischen Pasok und der liberalen To Potami-Partei, ohne die Rechtsradikalen und Kommunisten nicht genügend Stimmen dafür im Parlament. Für eine Übergangsregierung der nationalen Einheit würden also einzelne Abgeordnete von Tsipras' Syriza-Partei oder seines Koalitionspartners der Unabhängigen Griechen benötigt. 

Die Bereitschaft zu einer derartigen Notregierung scheint bei so manchem Politiker der aktuellen Regierungskoalition durchaus vorhanden zu sein. Vor allem aus dem liberalen Lager von Syriza um den führenden Europaabgeordneten Dimitris Papadimoulis könnten sich mehrere Parlamentarier abspalten. Sie plädierten schon länger für eine Einigung mit den Geldgebern, auch wenn diese harte Konditionen mit sich gebracht hätte. Angesichts des Power-Wahlkampfs für das Referendum aber hielt sich diese Gruppe zurück, um die Position von Tsipras und die Einheit der Partei nicht zu schwächen. 

Auch unter den Unabhängigen Griechen haben schon mehrere Abgeordnete angekündigt, für ein Ja im Referendum stimmen zu wollen. Sie sind damit aus dem Regierungslager ausgeschert und wollen sich offenbar einer neuen Führung andienen. Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass die meisten Politiker des rechtskonservativen Koalitionspartners von Tsipras eine Vergangenheit in der Nea Dimokratia haben und diese nur verließen, weil sie ursprünglich gegen die Sparmaßnahmen waren. Sie begründen ihre abermalige Wende nun mit der heiligen Pflicht, für die Rettung der Nation einzustehen.

Käme Samaras zurück?

Wer aber könnte eine solche Übergangsregierung anführen? Man würde vermuten, dass sich Tsipras' Vorgänger, der jetzige Oppositionsführer Antonis Samaras, schon für eine solche Rolle in Stellung gebracht hätte. Allerdings hat Samaras kürzlich verkündet, weder er noch Tsipras seien die richtigen Figuren, um eine Einheitsregierung anzuführen. Dahinter steht wohl das politische Kalkül, jemand anderem nun die schmerzhafte Einigung mit den Geldgebern zu überlassen, um dann vielleicht in einem halben oder dreiviertel Jahr erneut eine Parlamentswahl abzuhalten und dann an die Macht zurückzukehren. 

Es bleibt die Frage, wer in einer Übergangsregierung die Verantwortung übernehmen könnte. In Griechenland kursieren etliche Namen, und trotz der schwierigen Aufgabe wird es wohl auch genügend Kandidaten geben. Wichtig dabei wäre, dass dieser Ministerpräsident kein starkes politisches, sondern eher ein technokratisches Profil besitzt, wie schon 2011 der damalige Übergangspremier Loukas Papadimos, der früher Vizepräsident der Europäischen Zentralbank war. Eine ähnliche Laufbahn hat der jetzige Präsident der griechischen Zentralbank hinter sich, der frühere Finanzminister Giannis Stournaras. Er könnte auch das Vertrauen der Linken erhalten, weil der frühere Finanzwissenschaftler nicht gerade als Ideologe bekannt ist.

All diese Szenarien aber könnten nur eintreten, wenn sich die Mehrheit in Griechenland für ein Ja entscheidet. Geht das Referendum mit einem Nein aus, gibt es eine Vielzahl möglicher anderer Varianten. Die positivste wäre wohl, dass sich die Tsipras-Regierung doch noch auf einen Kompromiss mit den Geldgebern einigt und ein Grexit damit verhindert würde. Die Skala der negativen Varianten jedoch ist nach unten hin offen.