Wenn in der kommenden Woche das griechische Europlebiszit hinter uns liegt, steht die nächste nervenaufreibende Volksbefragung schon an: das von Premierminister David Cameron angekündigte britische Referendum über die Mitgliedschaft seines Landes in der Europäischen Union.

Bislang hat die Griechenlandkrise diese historische britische Abstimmung fast vollständig überschattet – trotz der gravierenden Auswirkungen eines möglichen britischen Austritts aus der Europäischen Union. So gab Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Protokoll, "schlaflose Nächte" habe sie in Sachen Brexit nicht zu beklagen. Die von Cameron geforderten europäischen Vertragsänderungen bis zur Abstimmung 2017 seien zu erwägen, sofern sie "wirklich notwendig" seien. Ähnliches hört man aus den anderen europäischen Hauptstädten. Auch hier lautet die Annahme: Mit einigen eher kosmetischen Zugeständnissen mit Blick auf die Reformwunschliste des britischen Premiers sei das Risiko eines Brexits weitgehend zu bannen.

Das jedoch könnte sich als gravierende Fehleinschätzung erweisen. Nicht nur weil die europäische Politik so die Chance auf eine konstruktive Reform der Union verstreichen lässt, sondern auch weil sie die Wahrscheinlichkeit eines britischen Neins völlig falsch einschätzt. Tatsächlich ist ein Austritt Großbritanniens ohne wirkliche Zugeständnisse für Cameron sehr viel wahrscheinlicher als gemeinhin angenommen. Zwar sehen aktuelle Umfragen die EU-Befürworter in Großbritannien mit rund 60 Prozent vorn. Doch das heißt eben auch: Dem Nein-Lager fehlen gerade einmal 10 Prozent.

Euroskeptiker längst mobilisiert

Dabei muss man nicht Winston Churchill bemühen, um britische Umfragen anzuzweifeln. Schließlich hatten die Meinungsforscher jenseits des Kanals erst vor zwei Monaten selbstbewusst ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Cameron und seinem Herausforderer um das Amt des Premierministers Ed Miliband prognostiziert. Das Ergebnis: Cameron triumphierte, und mindestens so bloßgestellt wie Labour-Chef Miliband waren die Meinungsforscher. Sie könnten erneut daneben liegen.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor: Der wiederholte Wandel der öffentlichen Meinung in Großbritannien. Die britische Tageszeitung The Telegraph führt über die Fieberkurve der britischen EU-Skepsis akribisch Buch. Das Ergebnis: Seit der Jahrtausendwende waren immer wieder Mehrheiten der Briten für einen EU-Austritt ihres Landes – zuletzt im November 2012. Im langfristigen Trend zeigen die Umfragen deshalb eigentlich nur eins: Das Rennen ist offen.

Hinzu kommt: Die Nein-Kampagne hat noch nicht einmal richtig begonnen. Sicher, Ukip-Chef Nigel Farage polemisiert seit Jahren gegen Brüssel und nutzt das Griechenlandreferendum schon mal für populistische Aufwärmübungen. Doch ein wirkliches Mainstream-Zugpferd fehlt dem Nein-Lager bislang. Eine überzeugende Galionsfigur könnte ihm deutlichen Auftrieb verschaffen und neue Wählerschichten mobilisieren. In Zeiten, in denen die EU-Mitgliedschaft auch in der regierenden Konservativen Partei immer erbitterter debattiert wird, könnte die Rolle durchaus von einem Tory-Dissidenten übernommen werden.

Als entscheidend könnte sich dabei erweisen, dass die britischen Euroskeptiker schon heute politisierter sind als die EU-Befürworter. Die Frage der Mitgliedschaft ist gerade für EU-Gegner besonders wichtig, während das Thema für viele EU-Befürworter eher unter ferner liefen verbucht wird. Das könnte sich entscheidend auf die Wählermobilisierung auswirken, zumal sich Premier Cameron dazu entschlossen hat, das Referendum nicht an eine andere Wahl zu koppeln. Er wird die Befragung unabhängig von anderen Abstimmungen an einem eigenen Termin abhalten lassen – ein weiterer Vorteil für das Nein-Lager. Unter solchen Bedingungen könnten Schönwetter-EU-Befürworter zu Hause bleiben und den Europagegnern das Feld überlassen.