Als würde nicht schon genug geschwiegen in diesem Prozess. So viel verschwiegen. Und nun fällt auch noch die Tonanlage aus, über die Dolmetscher die Aussagen der kroatischen Zeugen ins Deutsche übersetzen. Richter Manfred Dauster unterbricht deshalb den 44. Verhandlungstag, der gerade erst begonnen hat. Auf der Anklagebank im Münchner Oberlandesgericht erheben sich zwei alte Männer: Zdravko Mustač, ein Herr mit roter Nase und grauen Haaren, und der mitangeklagte Josip Perković. Mustač geht zu einer Tür neben der Richterbank. Bevor der 73-Jährige hinaustreten kann, legt ihm ein Wachtmeister Handfesseln an.

Mustač und der 70-jährige Perković könnten beide heute das geruhsame Leben von Pensionären und Großvätern führen und einen entspannten Lebensabend in ihrer Heimat Kroatien genießen. Doch Ermittlungen der deutschen Bundesanwaltschaft und der eiserne Wille einer trauernden Witwe haben dafür gesorgt, dass die beiden vor dem Oberlandesgericht München als Mörder angeklagt sind.

Vor dem siebten Strafsenat wird seit Oktober 2014 ein Ausschnitt aus einer Mordserie untersucht, der in Deutschland in den siebziger und achtziger Jahren mindestens 29 Kroaten zum Opfer gefallen sein sollen, weltweit angeblich sogar 80. Die Toten waren überwiegend Dissidenten und sonstige aus Sicht der kommunistischen Führung in Belgrad Verdächtige. Beim jugoslawischen Geheimdienst hießen sie Republikflüchtlinge. Einer von ihnen war Stjepan Đureković. Sein Tod ist – als einziger Fall – Gegenstand des Münchner Verfahrens.

Am 28. Juli 1983 überfielen drei Täter den damals 56-Jährigen in einer Garage in Wolfratshausen, einem Städtchen in Oberbayern. In dem Raum stand eine Druckerpresse, mit der er Artikel für eine regimekritische Zeitschrift vervielfältigte. Seine Mörder streckten ihn mit sechs Schüssen nieder und schlugen ihm den Schädel ein. Mustač und Perković, die Angeklagten, waren damals zwar nicht dabei. Sie sollen aber unbekannten Schergen den Mordauftrag erteilt haben. Nach deutschem Recht wären sie deshalb genauso zu bestrafen wie die eigentlichen Täter.

Die Morde an den Dissidenten und Regimegegnern dienten zur Machtdemonstration des jugoslawischen Diktators Josip Broz Tito, und sie liefen auch nach dessen Tod 1980 weiter. Die Angeklagten Mustač und Perković waren Teil des Machtapparats, als Chef des Nachrichtendienstes und Mitarbeiter der Geheimpolizei. Vor Gericht schweigen sie. Informationen über das Opfer Đureković, der als früherer Manager des staatlichen jugoslawischen Ölkonzerns über krumme Geschäfte Bescheid wusste und angeblich auch für den BND gearbeitet haben soll, kommen von Zeugen. 1982 flüchtete der vom Staat Geächtete und Verfolgte nach München.

Blutige jugoslawische Vergangenheit

Nach einer halben Stunde ist die Akustikanlage repariert, Mustač und Perković sitzen wieder auf ihren Plätzen. "Sie haben sich immer selbstbewusst gezeigt. Aber sie sind nicht wirklich so entspannt",  sagt der Nebenklägeranwalt Siniša Pavlović. Er vertritt die Witwe des Opfers, Gizela Đureković, und ist so etwas wie das kroatische Korrektiv in diesem Prozess, der in Deutschland stattfindet, der ein Verbrechen auf deutschem Boden behandelt – in dem aber die blutige Vergangenheit Kroatiens aufgerollt wird, das zur Ostblockzeit Teil des kommunistischen Jugoslawiens war.

Der 55-jährige Anwalt fährt im Auftrag seiner Mandantin zu allen wichtigen Prozesstagen mit dem Auto von Zagreb nach München. Pavlović bewertet den Fall wie die Bundesanwaltschaft: "Das war ein kaltblütiger Mord." Opfer des jugoslawischen Geheimdienstes wurde vier Jahre nach Đureković vermutlich auch dessen Sohn. Er starb in Kanada unter Umständen, die nie richtig aufgeklärt wurden.

Anders soll es mit dem deutschen Mord geschehen. Im Gerichtssaal spricht der Zeuge Peter P. von den "Lügen von Herrn Perković", der Todesurteile über kroatische Exilanten gesprochen habe mit der Begründung, sie hätten angeblich Anschläge verübt. Wer aber sagt die Wahrheit und wer hält dem untergegangenen jugoslawischen Regime bis heute die Treue? Nicht wenige Zeugen verstehen sich bestens auf professionelles Lügen nach der Art von Geheimdienstlern. Auch darum ist der Mordkomplex so schwer zu entwirren – für den Staatsschutzsenat genauso wie für die Nebenklage. Von 60.000 Seiten Prozessakten liegen nur die Hälfte auf Kroatisch vor.